Auch eine Art Tempelgarten – der heutige Potsdamer Park von Sanssouci. Foto: VHS
David und Friedrich Gilly waren Hugenotten. Sie sollten das Leben des protestantischen Pfarrersohnes Karl Friedrich Schinkel entscheidend prägen. Jean Francois Labry war Hugenotte. Seine Enkelin Emilie sollte den Hugenotten Henry Fontane heiraten. Aus der Hochzeitsnacht sollte, folgt man Iwan-Michelangelo D’Aprile, Theodor entspringen. Nun darf man sich nicht nur in Neuruppin an das Papier erinnern, das so folgenreich war für die beiden berühmtesten Söhne der Stadt – das Potsdamer Toleranzedikt vom 8. November 1685.
Von Volkmar Heuer-Strathmann
Im Fall Theodor Fontane kommen andere preußisch gefärbte Papiere hinzu. Laut königlicher Apothekerordnung kam für den frisch examinierten Berliner Apotheker Henri Fontane Berlin nicht in Frage als Wirkungstätte. Eine Nummer kleiner bitte. Man unterschied Zeugnisse erster und zweiter Klasse. Was für ein Glück für Neuruppin – dieser dumme Numerus Clausus!
NC wird heute vermutlich auch Nichtlateiner an Schule und Universität denken lassen. Schon ist man bei Schinkel. Nicht wegen der Noten, nicht wegen der Reifeprüfung. Das Gymnasium zum Grauen Kloster war seinerzeit sehr gut beleumundet. Doch Karl Friedrich mochte nicht mehr bleiben. Er fieberte. Er frohlockte. Gegen den Widerstand von Mutter Susanne und Vormund Rose ging er vorzeit ab und bei Friedrich Gilly in die Lehre. Was gestalten, was machen. Justizrat Noeldechen soll mitgeholfen haben, die Türe für den Sohn Neuruppins zu öffnen. Über Wilhelm Gilly, 1789 Kondukteur in der im Wiederaufbau befindlichen Stadt, hatten sich Kontakte ergeben, so erzählt Mario Zadow, der ausgewiesene Schinkel-Experte. Jan Mende sieht es in dem hier bereits vorgestellten lesenswerten Werk über KFS nicht ganz so schwärmerisch.

Gemälderepro: Wikipedia
Die Hugenotten waren eine calvinistische Minderheit im streng katholischen Frankreich. Über die Wortgeschichte herrscht Uneinigkeit. Eidgenossen hat vermutlich für moderne Menschen einen schönen Klang. Da lockte Preußen-Brandenburg also, da hörte man 1685 aus Potsdam von großen Möglichkeiten, bedingten Freiheiten und obrigkeitlich veranlassten Freundlichkeiten. Das Paradies wurde nicht versprochen.
Bei Michael Lausberg lässt sich nachlesen, wie sich die “Einwanderung von französischen Glaubensflüchtlingen” darstellte. Die Willkommenskultur war verordnet vom Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm, das Toleranzedikt war modern gedacht und klug gemacht, alles Weitere würde sich vor Ort zeigen. Gewisse Privilegien für Zugewanderte, das dürfte heiß diskutiert worden sein. Es soll vereinzelt zu Gewalttaten gekommen sein.
Das Dokument wurde auf Deutsch und auf Französisch gedruckt und verbreitet. Es sei “wohlfeil”, so las man, in Städten wie Stendal oder Rathenow zu leben, eben “bon marché”. Neuruppin gehörte nicht zu den Zuweisungsorten. Da waren Zufälle im Spiel, Fügungen, Verknüpfungen und ganz persönliche Entscheidungen im Falle der heutigen Fontanestadt. “Beide Seiten haben die Mischungen der Kulturen zugelassen”, schreibt Heinz Kleger 2008 über jene Jahre.
