Gastbeitrag: Klima und Alltag – wo stehen wir?

|

Ein paar persönliche Gedanken zum Jahresende.

Trotz unseres Engagements frage ich mich manchmal, ob lokale Klimaarbeit im globalen Sturm wirkt. Wir alle ringen mit einem System, das Konsum statt Verantwortung fördert – und uns prägt. Doch gerade in unscheinbaren Initiativen wächst Neues: Mitgefühl, gemeinschaftliches Handeln, Hoffnung ohne Naivität. Wandel beginnt klein – bei Menschen, die nicht aufgeben.

Von: Wilfried Silbernagel (Verein Klima und Alltag e.V.)

Momente der Mutlosigkeit

Es gibt in diesen Tagen Momente, in denen ich – trotz all unserer Arbeit für Klima und Alltag – von Mutlosigkeit erfasst werde. Dann frage ich mich, ob das, was wir hier vor Ort tun, überhaupt eine spürbare Wirkung auf den globalen Klimawandel hat. Wir sind ein kleiner, engagierter, gut vernetzter Verein – aber angesichts der großen Krisen manchmal winzig wie ein Streichholz in einem Sturm.
Und ich gebe offen zu: Auch ich selbst bin nicht immer konsequent. Ich lebe nachhaltiger als früher, ja – aber längst nicht so bewusst, wie ich es mir wünsche. Ich falle in bequeme Muster zurück, esse zu viel Fleisch, liebe Thunfischpizza und handle oft aus Gewohnheit. Ich weiß, dass das nicht reicht. Und dennoch tue ich es. Viele von uns dürften dieses Spannungsfeld kennen.

Das prägende System

Vielleicht liegt genau darin eine tiefere Wahrheit: Wir alle leben in einem wirtschaftlichen und kulturellen System, das wir selbst geschaffen haben – das aber inzwischen uns formt, prägt und auf oft destruktive Weise zurückwirkt.
Wir kritisieren gerne Gier, Kurzsichtigkeit und das Streben nach unendlichem Wachstum. Aber diese Eigenschaften fallen nicht vom Himmel; sie entstehen aus den Strukturen unseres kapitalistischen Systems. Es fördert Konsum statt Genügsamkeit. Es lässt uns glauben, unser Wert hänge vom Haben ab. Es erzeugt Konkurrenz statt Kooperation und belohnt kurzfristigen Erfolg mehr als langfristige Verantwortung.
Das System schafft genau jene Persönlichkeitsmuster, die es selbst am Laufen halten.
Oder zugespitzt formuliert: Der Kapitalismus formt Menschen, die den Kapitalismus leben und verteidigen.
Die Folgen sind sichtbar: ökologische Zerstörung, soziale Spaltung und eine Politik, die allzu oft reagiert statt gestaltet.

Weihnachten als Metapher

Ich bin kein Christ im traditionellen Sinn, eher säkular-buddhistisch geprägt. Und doch berührt mich Weihnachten immer wieder – nicht wegen religiöser Dogmen, sondern wegen seiner symbolischen Kraft.
Die Geburt Jesu steht für mich nicht für das Wunder eines Gottessohnes, sondern für eine zeitlose Wahrheit: Hoffnung entsteht dort, wo sie am unwahrscheinlichsten ist. Neues Bewusstsein wächst, während die alte Welt im Dunkeln liegt.
Weihnachten erzählt – unabhängig vom Glauben – eine universelle Geschichte:
dass in einer Zeit politischer Gewalt ein Kind als Versprechen geboren wird, dass ein von Gier und Macht geprägtes System eine Botschaft der Liebe hervorbringt und dass kleine, scheinbar machtlose Anfänge ungeahnte Wirkung entfalten können.
Man könnte sagen: Weihnachten erinnert uns daran, dass Wandel möglich ist – und von unten beginnt.
Als jemand, der der buddhistischen Philosophie nahe steht, sehe ich hier eine Parallele. Auch der Buddha lehrt: Die Welt kann sich verändern, wenn wir uns verändern. Mitgefühl ist im Buddhismus kein weiches Gefühl, sondern eine transformative Kraft – das Gegenmittel zu Gier, Hass und Verblendung.
Mitgefühl bedeutet: Ich sehe dein Leiden, und ich lasse mich davon berühren. Vielleicht feiern wir an Weihnachten im Kern dasselbe – nur in anderen Bildern.

Hoffnung im Wandel
Das alte System ist erschöpft, das spüren wir alle
Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Übergänge

Wir leben in einer chaotischen Zeit. Das alte System ist erschöpft, das spüren wir alle. Die Vielzahl der Krisen macht Angst. Gleichzeitig gilt: Bevor etwas Neues entsteht, gerät das Alte ins Wanken.
Doch es wächst auch Neues heran. Bürgerräte entstehen, zivilgesellschaftliche Netzwerke bilden sich. Eine Ökonomie, die sich am Gemeinwohl orientiert, nimmt Gestalt an. Die ökologische Landwirtschaft wächst. In vielen Städten entstehen Nachhaltigkeitsinitiativen.
Auch bei uns in Neuruppin – in Schulen, Vereinen, bei Bürgergesprächen, Kulturprojekten und Initiativen – zeigt sich dieses neue Denken.
Vielleicht ist es unscheinbar.
Vielleicht ist es fragil.
Aber es ist da.

Was bleibt

Bitte keine naive Hoffnung nach dem Motto „Es wird schon alles gut“. Solche Hoffnung macht eher träge. Wirkliche Hoffnung bedeutet, weiterzugehen, obwohl wir nicht wissen, wie es ausgeht. Weihnachten erinnert daran. Und auch die Arbeit unseres Vereins lebt davon.
Wir können Inseln schaffen, auf denen Zukunft möglich ist.
Wir können Räume öffnen, in denen Mitgefühl wichtiger ist als Zynismus.
Wir können Initiativen unterstützen, die zeigen, wie ein neues Miteinander aussehen könnte.
Vielleicht ist genau das der Sinn dieser Zeit: dass die Zukunft klein beginnt – mit Menschen, die nicht aufgeben.
Ich wünsche Ihnen und Euch eine friedliche Weihnachtszeit, ein wenig Licht im Dunkeln und das Vertrauen, dass im Übergang etwas Neues entstehen kann.

Ähnliche Beiträge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert