Zwischen Autor und Moderator – nichts Hündisches, nichts Wölfisches.
“Mein Leben ist nicht gerade spannend”, sagt Hardy. Echt? Aber er ist doch Romanheld in “Jahre zwischen Hund und Wolf”. Wie kommt es dann, dass es Henning Ahrens als Autor gelingt, Interesse zu wecken für den älteren Mann, diesen Comiczeichner aus Deutschland, der in der Normandie lebt und sich einlässt auf die Menschen dort, auch auf ihre Geschichte und den eigenen Ballast der NS-Zeit?
Von Volkmar Heuer-Strathmann
Hardy Espen ist erfolgreich. Aber es reicht ihm allmählich, diese auf Wirkung bedachte Zeichnerei zum Lebensschwerpunkt zu machen. Die Tage plättschern dahin, schön nah am Wasser, das Alter naht mit Macht. Mit dem Titel, so der Autor in Neuruppin, werde auf das Heraufdämmern des Lebensabends angespielt. Man selbst hatte gedacht, es gehe um etwas mehr Biss, um die lauernde Wolfsnatur und das Elend derartiger Männlichkeit. Vielleicht beides?
Als Moderator gelingt es Otto Wynen, Interesse zu wecken für den Autor, das Werk und die Hintergründe. Wynen lobt die Art, wie Menschen im Gespräch gezeigt werden: Tatsächlich hat der Erzähler einen feinsinnigen Humor. Er wolle nicht aufdringlich sein, hatte Ahrens gesagt. Es gehe auch um Politik, aber eben nicht um Didaktik. Da ist Corona, da ist die neue Rechte in Frankreich und Deutschland, da sind alte Rechnungen, die gar nicht mehr beglichen werden können. Da ist viel Weibliches in seiner Nähe. Manches reizt ihn, manches reicht ihm. Und Männer? Einen Macho, Typ neue alte Normalität, muss man ertragen. Einen 95jährigen französischen Juden lernt Hardy näher kennen. Das Auditorium auch. Die Enkelin eines gefallenen deutschen Soldaten taucht bei ihm auf. Sie nervt. Nachhaltig. Im Gesamtwerk spielt sogar eine Jugendliebe des Protagonisten keine geringe Rolle, ganz abgesehn von der derzeitigen Geliebten.

Fotos: VHS
Dass Henning Ahrens viel Anklang findet, hat sicherlich auch mit seiner Stimme zu tun und eben mit seiner Unaufdringlichkeit. Der Niedersachse hat in dieser Hinsicht durchaus Ähnlichkeit mit dem Rheinländer neben ihm. Der eine lebt in Hessen, der andere in Brandenburg. Das mundartliche Umfeld ist folgenlos geblieben. Als Übersetzer hat Ahrens sich sicherlich nicht nur mit Wörterbüchern und dem, was Grammatik genannt wird, befasst. Sprechen ist mehr. Viel mehr. Menschen begegnen. Worte finden oder eben nicht. Sich (selbst) kennen lernen. Wahrnehmen. Schweigen. Bellen wäre echt bisschen dürftig. Oder wölfisch heulen. Was der uralte Mann sagt, hat man sich doch nicht zufällig Wort für Wort vorne ins Buch geschrieben, als wär’s was für jeden Tag – ganz besonders natürlich im Neu- oder im Ausland: “Menschen sind komplexe, widersprüchliche Geschöpfe, wie sollte es da jemals langweilig zugehen?”
