Als Initiator wurde Wolfgang Freese auf’s Podium neben Kaija Kutter gebeten.
Im Jahr 2013 wurde die Heimerziehungseinrichtung in Haasenburg im Süden von Berlin geschlossen. Eine Veranlassung der zuständigen Ministerin. Zehn Jahre später entschieden Verwaltungsgericht und Oberverwaltungsgericht, die Maßnahme sei rechtswidrig gewesen. Die juristische Auseinandersetzung um Schadensersatz für die GmbH läuft noch. Im Museum Neuruppin ging es um die Schäden, die Insassen der geschlossenen Einrichtung davon getragen haben. Zwei von ihnen waren anwesend. Sie konnten sich über recht großes Interesse freuen und Worte der Ermutigung mitnehmen, auch von Museumsleiterin Maja Peers.
Von Volkmar Heuer-Strathmann
Dem Bündnisgrünen Wolfgang Freese war es gelungen, die Journalistin Kaija Kutter und den Sozialforscher Michael Lindenberg gemeinsam mit zwei ehemaligen Heiminsassen für eine Lesung aus dem Buch “Jenseits des Kindeswohls” zu gewinnen. Im Auditorium saßen auch Personen, die beruflich mit unterschiedlichen Herausforderungen im Erziehungssystem zu tun haben oder hatten. Der Landkreis war Kooperationspartner, ebenso die Partnerschaft für Demokratie OPR. Es wirkte am Ende der aspektreichen Veranstaltung immerhin wie ein schwacher Hoffnungsschimmer, dass die Rechtsgrundlage in Deutschland inzwischen verändert wurde – im Sinne der Zöglinge, also gegen die Willkür in Ämtern und eine menschenunwürdige Praxis wie in Haasenburg, wenn man den Ausführungen folgt.

Fotos: VHS
Den beiden ehemaligen Insassen war anzumerken, welche Wunden vor Jahren durch die Zuständigen geschlagen wurden, etwa durch Demütigung oder körperlichen Schmerz, durch Ausgrenzung oder Drangsalierung. Andere Fälle wurden von Kutter und Lindenberg aufgeblättert. Häufigkeit und Eindringlichkeit ließen von einem “System Haasenburg” sprechen. Auf die Ausbreitung von Einzelheiten wird hier verzichtet. Als ein Beispiel aber sei die Bestrafung durch Zwang zu sportlicher Aktivität erwähnt, etwa Liegestütze ohne Ende.
Wie das System am Ende ins Wanken gebracht wurde, war Thema. Ebenso die ersten Schritte aus dem Gefängnis der Seele. Im offenen Teil des Abends ging es um den jeweiligen familiären Hintergrund, um die Frage, was die Heimeinweisungen womöglich hätte verhindern können. Traumatherapie war Thema und die Problematik der Überforderung von Mitarbeitenden. Wo sie (anscheinend schlecht) ausgebildet wurden, fragte niemand.
Das Buch konnte an diesem Abend leider noch nicht erworben werden. Aber Wolfgang Freeses Bestellzettel blieb nicht blank. Gelacht wurde nur einmal. Der “Haasenburger” hielt eine Schraube hoch. Mitgenommen! Die GmbH geschädigt! Welch ein Triumph! Mit dem Hinweis auf die Petition “Opferentschädigung für Heimkinder, JETZT!” ging ein bewegender Abend zu Ende.

Eine sehr gelungene Veranstaltung, die tiefe Einblicke in die Haasenburg-Heime gewährte. Großer Dank gilt den beteiligten Personen, die – trotz der Gefahr, dadurch erneut belastet oder verletzt zu werden – offen von ihren Schicksalen berichteten.
Als tief berührter Besucher dieser Veranstaltung stellen sich mir unter anderem folgende Fragen:
1.) Wo arbeiten die damaligen Erzieher:innen heute?
2.) Wie kann es sein, dass der Gründer und langjährige Leiter dieser Einrichtungen, Christian Haase, heute unter dem Namen Christian Dietz offenbar weiterhin als Familiengutachter tätig ist?
3.) Ich gewann den Eindruck, dass von ehemaligen Insassen gestellte Strafanzeigen durch die Staatsanwaltschaft bewusst so lange verzögert wurden, bis eine Verjährung eingetreten war. Wie kann so etwas geschehen? Falls dies zutrifft: Wer oder was war dafür ausschlaggebend?
4.) Wie konnten so viele Menschen dieses System über Jahre hinweg mittragen und stützen?
5.) Wie kann es sein, dass die Schließung der Einrichtungen vom Oberverwaltungsgericht als rechtswidrig eingestuft wurde und der Betreiber nun möglicherweise sogar Erfolg mit einer Schadensersatzklage haben könnte?