“Heimatweh” – ein neuer Leitbegriff, auch in der Literatur?

Alfred Hirsch nennt sein Werk “Heimatweh” im Untertitel “Eine philosophische Erzählung”. Was in Wirklichkeit vorliegt, ist eine Betrachtung. Vermutlich wollte er das Modewort “Narrativ” vermeiden. InTheodor Fontanes Roman “Effi Briest” lässt sich lesen, wie von Heimatweh erzählt werden kann. Den Hirsch sollte man ohnehin lesen.

Von Volkmar Heuer-Strathmann

Heimweh muss nicht definiert werden. Als HeimWeh wird es zum schmerzhaften Wortspiel. Heimatweh stellt die Suche nach Heimat, nach Beheimatung in den Mittelpunkt. Und das Misslingen. Und den Verlust. Alfred Hirsch, selbst in Emsdetten aufgewachsen und in der Welt wahrlich weit herumgekommen, geht es mehr um große politische, soziale und ökologische Zusammenhänge. Aber er kommt auch auf das Wohnen zu sprechen. Auf die Bauherrlichkeit und die Schlichheit von Zimmern, auf die Berufsblindheit von Siedlungsplanern und die Möglichkeit, sich endlich einmal des eigenen Lebensweges von Zimmer zu Zimmer bewusst zu werden. Über extreme Erstbehausungen wie Babyklappe oder Brutkasten schreibt er nicht. Liest man sein Werk, liest man Literatur anders und das eigene Leben sowieso. Bei Fontane spielt das Wohnen eine große Rolle. Womöglich, weil er selbst so vielfältig und unterschiedlich wohnte. Die Behausung in Neuruppin im Apothekerhaus war ja nur der Anfang.

Voll verschaukelt? Effi-Motiv von Matthias Zagon Hohl-Stein in Neuruppin.
Foto: VHS

Zu Effi: Sie ist inzwischen verheiratet. Als Frau von Baron von Instetten wohnt sie fortan in dessen Haus. Nach der ersten Nacht lässt Theodor Fontane sie alles genau betrachten. Und bei allem Erstaunen und bei aller Verunsicherung darf sie feststellen, wie schön es doch sei, “im eigenen Haus” zu sein. Von einem Ehevertrag ist nichts bekannt geworden. Sie meint sein Haus. Sie sagt später zum Landrat, also zu ihrem um einige Jahre älteren Ehegatten: “Daneben ist unsere ganze Hohen-Cremmener Herrlichkeit ja bloß dürftig und alltäglich.” Ob sie die Schaukel vermisst, erfährt man leider nicht. Über den Ort Kessin sagt sie später, er habe etwas Fremdländisches. Als Stadt am Meer nimmt das nicht wunder. Es geht aber nicht etwa primär um Matrosen aus anderer Herren Länder. Und wenn es zu Hause bald heißt, ein Chinese spuke im Saal oben herum, sind damit qualvolle Stunden für Effi grob umrissen. Von Wohlbehagen kaum eine Spur. Sie wird später kein Heimweh haben, was diese Erfahrungen anbelangt und die unheilvolle Verstrickung des Gatten in seine eigene Mär. Am Ende einer tragischen Entwicklung mit unterschiedlichen Behausungen und Quartieren bewohnt Effi zwei Zimmer im ersten Stock im elterlichen Landhaus in Hohen-Cremmen. Sie ist heimgekehrt. Und erlebt und erleidet Heimatweh. Und stirbt.

Zwischen Heimatweh und Fernweh – und was ist mit der Schadstoffbilanz?
Foto: VHS

Alfred Hirsch hat sein Buch “all jenen gewidmet, die Opfer ein und desselben menschenverachtenden xenophoben Hasses wurden und noch immer werden”. Heimatverlust durch Krieg und Verfolgung wird zum Thema. Die Bedingungen eines Lebens im Exil werden näher beleuchtet. Heimatzerstörung durch Abrisskeule und Umsiedelung wird als Teil ökonomischer Prozesse und fragwürdiger politischer Entscheidungen analysiert. Die Bedeutung von Heimat und Identität wird nicht bestritten. Völkische Heimattümelei ist nicht zu finden. Der utopische Gehalt des Wortes Heimat führt auch ganz kurz zu Ernst Bloch. Die deutsche Teilung ist kein Thema, die sogenannte Wiedervereinigung auch nicht. Wenn man selbst “Heimatkunde” an einer Grundschule hatte, ahnt man, was “Heimatwehkunde” für literarische Texte versammeln könnte. Franz Kafkas Erzählung “Der Nachbar” nicht zu früh. Wolfgang Borcherts Drama “Draußen vor der Tür” nicht zu spät. Astrid Lindgrens “Pelle zieht aus” mit Kindern nicht nur zur Weihnachtszeit und Christa Kosiks Kinderbuch “Moritz in der Litfaßsäule” hat man selbst noch auf dem Stapel liegen. Literatur als Refugium ist mehr als eine Metapher. Lieb und teuer genug ist sie ja auch.

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