Aspektreicher Heimatgesprächsabend im Museum ohne tiefe Risse

“Reden wir über Heimat”, hieß es in der Einladung von PEN Berlin. Wo? Im Museum Neuruppin. Wer und wie? Man hat als Format das moderierte Podiumsgespräch mit Publikumssequenzen gewählt. Nach Runden durch die Wahlländer Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz tourt man mal bisschen durch Ostdeutschland. Bald geht es dann gezielt in die Wahlländer Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern, also in den Westen und in den Norden von Ostdeutschland, von vertriebenen Schlesiern früher in Westdeutschland auch gerne Mitteldeutschland genannt.

Von Volkmar Heuer-Strathmann

“Wer ist Millionär?”, fragte der Moderator nicht. “Wer liebt Hochdeutsch sehr?”, auch nicht. Im Schnelldurchgang, als wollte man die selbstverschuldete Verspätung wieder reinholen, ging es zunächst, an alle gerichtet und unbenotet, um Stich- oder Schlagworte wie Herkunft, Beheimatung und Haltung zu Heimatfragen. Ein Fingerzeig, das reichte. Unter den fast vierzig Versammelten, die von Maja Peers, der Leiterin des Hauses, herzlich begrüßt worden waren, bildeten Menschen mit westdeutschem Hintergrund knapp die Mehrheit. Und nicht ganz die Hälfte macht sich aktuell Sorgen um die Entwicklung in Deutschland. Wie man auf die Idee kam, Jens-Peter Golde und Maxi Obexer aufs Podium zu setzen, wurde nicht dargelegt, nicht vom PEN-Aktivisten Deniz Yücel und nicht von der redlich bemühten Moderatorin Sabine Schicketanz von den PNN.
Die seit über dreißig Jahren in Berlin lebende Autorin Maxi Obexer stammt aus Österreich. Genauer gesagt: aus dem italienisch geprägten Südtirol. Sie hat die deutsche Staatsbürgerschaft. Sie hasst Nationalismus. Ursprünglich stark beeindruckt von der Art, wie man sich in Deutschland mit der NS-Zeit auseinandersetzt, äußert sie aktuell primär Sorgen, was den Weg ihrer Wahlheimat etwa in der Migrationspolitik angeht. Und sie verknüpft Heimatgefühle mit Verantwortung und Engagement. Später wurde aus dem Publikum darauf hingewiesen, wie sehr die Heimatdebatte von Rechts aufgeladen werde mit Ressentiments, so dass schon der Begriff eingefärbt sei. Eine andere Stimme wagte den Hinweis, Liebe zur Heimat und ein Herz für Fremde müssten sich nicht ausschließen. Und Konflikte gehörten auch dazu. Das von Maxi Obexer mit Humor erwähnte “Fremdenzimmer” im Brandenburger Hof zeugt doch sicherlich von ungebrochener Gastfreundschaft. Willkommenskultur eben, aber in diesem Fall nicht gratis.

Atemlos durch den Abend: Aron Boks als Mikrofonmann in seinem Element.

Jens-Peter Golde, bekennender Ostdeutscher mit DDR-Laufbahn und lange Zeit Bürgermeister in und von Neuruppin, brachte außer Oststolz die europäische Identität ins Gespräch. Gleichzeitig insistiert er darauf, dass Heimatgefühle ihre Grundlage in guter Nachbarschaft hätten, im Vereinsleben, in der Stadtkultur, im Alltag eben und nicht im Bücherschrank. Zu intellektuell dürfe die Debatte nicht geführt werden, wenn man die Menschen wirklich erreichen wolle. Und in Funktion oder im Amt gelte Nähe zu den Menschen als Prinzip, gerade wenn es brenzlig wird. Also ehe es brennt…
Auf zwei ganz verschiedenen Ebenen sah eine Zuhörerin die beiden Exponierten. Über den Begriff der Verantwortung konnte allerdings eine Verbindung hergestellt werden. Und durch die Betonung der Bedeutung von aktivem Handeln in der Heimat, für die Menschen. Goldes Loblied auf den aus der Not geborenen “Idealismus in der DDR”, die doch erklärtermaßen auf dem Historischen Materialismus basierte und deshalb der BRD so weit voraus war wie planbar, wäre sicherlich ein schönes Thema für einen Politischen Salonabend. Und ebenso die Frage nach Alternativen zur Wiedervereinigung als “Beitritt” der Ostheimat zur Bonner Westrepublik.

Heimatliebe und ungeteilte Menschenliebe: Martin Osinskis Lebensimpulse.
Fotos: VHS

Otto Wynen ließ sich durch Mahnungen zu Schlichtheit nicht davon abbringen, den Versammelten ein Wort von Ernst Bloch, einst DDR-Bürger, später Hoffnungsträger in der sogenannten BRD, mit auf den Heim-Weg zu geben. Der Kern der Weisheit: „Heimat: Was allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war.“

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