Glosse: „Samstags im Stadtcafé – mit Artikel 146“

Im Stadtcafé Neuruppin diskutieren fünf Gäste hitzig: Ist das Grundgesetz eine Verfassung? Eine Glosse über Artikel 146 und Demokratie.

Von: macron

Samstagvormittag im Stadtcafé Neuruppin. Ein Tisch, vier Herren, eine Frau. Der Duft von Filterkaffee liegt in der Luft, die Brötchen knacken.
„Deutschland hat gar keine Verfassung!“, verkündet Frau Berger, die man sonst montags auf dem Marktplatz mit Megafon sieht.
Krüger, der pensionierte Jurist, setzt die Brille ab. „Ach, Frau Berger … das Grundgesetz ist unsere Verfassung.“
„Nix da!“, ruft sie. „Artikel 146! Da steht’s doch: provisorisch!“
Lehmann, Telegram-Stammkunde, nickt begeistert. „Genau, da wartet noch die echte Verfassung auf uns!“
Krüger lehnt sich zurück, als hätte er diese Platte schon hundertmal gehört. „Der Artikel 146 war nur eingebaut, weil man 1949 hoffte, dass Deutschland eines Tages wiedervereint würde. Damals hat man gesagt: ‚Wenn wir ganz sind, können wir eine neue Verfassung machen.‘ Tja – 1990 waren wir ganz. Man hat geschaut, das Grundgesetz funktioniert, schützt Menschenrechte, Demokratie, Rechtsstaat. Da hat man beschlossen: Warum das beste Haus abreißen, nur weil der Briefkasten provisorisch hieß?“
Mertens, der Ex-Lehrer, ergänzt trocken: „International gilt das Grundgesetz heute als die Verfassung, die Demokratie am besten schützt. Wegen der Ewigkeitsklausel, wegen des Verfassungsgerichts. Selbst Südafrika und Kanada haben sich Teile davon abgeschaut.“
Scholz, der Handwerker, rührt in seinem Kaffee. „Heißt: Unser Provisorium ist besser als viele Originale. Wie bei meinem Werkzeugkasten: Der alte Hammer sieht aus wie Notlösung, haut aber die Nägel am besten rein.“
„Na ja“, zischt Frau Berger, „das Volk muss abstimmen!“
„Können wir“, sagt Krüger, „aber das Ergebnis würde heißen: Wir behalten, was wir haben. Weil’s besser schützt als jede Verfassung von nebenan.“
Draußen läutet die Stadtkirche. Drinnen nickt man. Nur Frau Berger bleibt unbeirrt. Sie bestellt noch einen Espresso. „Zur Stärkung für Montag.“

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