Gleich zweimal “ein weites Feld” in Berlin – Fontane geht eben immer…

Da ist am Bahnhof in Berlin Spandau dieses Schild, mit dem auf einen schönen Radwanderweg hingewiesen wird. Vor den Akteuren liege “ein weites Feld”. Der Hinweis auf Theodor Fontane und seinen Roman “Effi Briest” fehlt nicht. – Da ist in Berlin Mitte das Holocaust-Mahnmal für die ermordeten Jüdinnen und Juden Europas, das vor genau zwanzig Jahren fertiggestellt wurde. Eine Filmdokumentation hat tatsächlich den Titel “Ein weites Feld”. Fontane geht eben immer, hier mal ganz unabhängig von dessen partiellem Antisemitismus betrachtet.

Von Volkmar Heuer-Strathmann

So viele Jahrzehnte nach Erscheinen von “Effi Briest” ist die Verwendung von Zitaten natürlich frei, gerade wenn es um Markantes und Bekanntes geht. Ein geflügeltes Wort würde man es fast nennen können, wäre es nicht so erdverbunden. Ein “weites Feld” kann Spielfeld der Fußballer sein, nicht nur bei langen Pässen. Ein weites Feld bringt Arbeit mit sich in der Landwirtschaft. Am Ende im besten Falle Erträge, Gewinne, Ernährung. Sogar auf dem Schlachtfeld in der guten alten Zeit ist die Weite nicht unwichtig, schon wegen der Reichweite der Feldgeschosse. Bei Fontane aber geht es eindeutig um Familie Briest, um ein heikles Beziehungsgefüge.
Dass es schwierig ist, für einen Film über die besagte Gedenkstätte in Berlin das passende Motto zu finden, sei zugestanden. Der Film von Gerburg Rohde-Dahl, der unter dem Titel “Ein weites Feld” im Handel ist, dokumentiert den Bau – vom Setzen der ersten Stele bis zu der Zeit nach der Eröffnung – und greift Stellungnahmen und Eindrücke auf. Persönlicher Hintergrund ist die Verwicklung des Vaters der Regisseurin als kleines Rad im Getriebe des großen NS-Besatzungssystems in Polen.

Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas – hier zur Pandemiezeit.
Fotos: VHS

Die Gefahr, dass aus dem Ensemble in Berlin trotz des überaus ernsten historischen Kontextes ein Spielplatz wird, eine Sonnenbank oder ein Labyrinth, wird thematisiert. Das Risiko bleibt, trotz aller Maßnahmen. Das weiß auch der Architekt Peter Eisenman. Für ein Fazit ist es bei der Produktion und auch kurz vor dem Erscheinen 2008 noch zu früh. Der Film selbst lässt an keiner Stelle und vor keiner Stele erkennen, warum dieser Titel gewählt wurde. Vermarktung? Auch ein weites Feld, die Verwendung von bekannten Redewendungen!
Nun hatte Günter Grass sich schon 1995 für diese Anleihe bei Fontane entschieden. Sein mittelmäßiger Roman “Ein weites Feld” ist unmittelbar an Theodor Fontanes Tun und Lassen angelehnt und führt natürlich Fonti, den Protagonisten, auch nach Neuruppin. Da von einem “weiten Feld” zu sprechen, wirkt angesichts des Umbruchs nach 1989/90 nicht unangemessen.
Das Stelenfeld in Berlin ist ürigens gar nicht “weit”, nicht offen, nicht grenzenlos. Die Gänge sind schmal, die Stelen sind eng gesetzt. Ihre Höhe ist teils beachtlich. Ähnliches dürfte auf der Welt nicht zu finden sein. Und das wollte Eisenman auch so. Und auch Leo Rosh, die Hauptinitiatorin. Eigentlich ist es unwegsam, dieses Feld – und das ist gut so, da es um Besinnung geht, um Trauer, um Schuld, um Scham, um Konfrontation, um Tränen, um Unfassbares.
Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder ist seinerzeit durch die sonderbare Äußerung, man solle “gerne dorthin gehen”, in die Fachliteratur geraten. Claus Leggewie und Erik Meyer nahmen’s denn auch gleich als Buchtitel in Sachen “Deutsche Geschichtspolitik nach 1989”. Das Statement von AfD-Geschichtler Björn Höcke zum Holocaust-Denk- und Mahnmal ist zu würdelos, um hier ins Feld geführt zu werden.

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