Man kennt ihn, den Apotheker, den Dr. Alonzo Gieshübler. In Theodor Fontanes Meisterwerk “Effi Briest” ist er gut beleumundet. Für Effi wird der ältere Herr zum Vertrauten. Da mutet es besonders zynisch an, dass der Literaturwissenschaftler Hans-Heinrich Reuter, Fontane-Preistrager 1972 in West-Berlin, neben seiner Tätigkeit als Autor und Herausgeber in Sachen Fontane auch noch als IM Gießhübler aktiv war für die Stasi. In Weimar hat man erst kürzlich zwei Dokumente aus seiner aktiven Zeit als IM veröffentlicht.
Von Volkmar Heuer-Strathmann
“Mit Freude (und) Zerstreuung hätte es manchmal recht schlimm gestanden, wenn Gieshübler nicht gewesen wäre”, weiß der einfühlsame Erzähler. “Der sorgte für Effi wie eine kleine Vorsehung und sie wusste es ihm auch Dank.” Der Stil? Am Ende knapp vier. IM Gießhübler schreibt da ganz anders und über anderes. Aber um Zwischenmenschliches geht’s später auch in den Dokumenten. Im Fokus: der aus Italien stammende Germanist Mazzino Montinari. Er hält sich Mitte der 60er-Jahre längere Zeit in Weimar auf. Es geht um eine Neuausgabe der Werke Friedrich Nietzsches in Italien. Nietzsche – der Name allein ist schon brisant in der DDR. Durch eine Untersuchung von Harich-Spezialist Andreas Heyer weiß man inzwischen mehr. Im Fall Montinari weiß die Stasi, dass er die Unita (KPI-Organ) und Neues Deutschland liest. Ideologisch gesehen sei er kein Marxist, aber irgendwie links. Na, immerhin. Ehefrau Sigrid ist deutscher Abstammung. IM Gießhübler weiß, dass der italienische Kollege auch in der DDR würde leben wollen. Mit Familie. Wenn er wissenschaftlich tätig sein könne.

Fotos: Nietzsche Archiv, Zugriff 15. August 2025
Nachlesen kann man die Ausführungen von Hans-Heinrich Reuter auf der Hompage des Nietzsche Archivs. Reuter ist es 1966 wichtig, zu betonen, dass die sozialistische Kulturpolitik der DDR die Möglichkeiten für Menschen wie Montiari geschaffen habe, über Nietzsche zu forschen. 1970 fällt die Einschätzung ganz anders aus. Die Familie hat die DDR inzwischen mit Ziel Italien verlassen. Zuvor traf man sich nochmal. IM Gießhübler musste feststellen, dass der Besagte eine “negative Grundhaltung zu allen ideologisch-politischen Fragen zum Ausdruck brachte”. Er lehne die sozialistische Staatsform ab, also die der DDR. Gleichwohl wolle er 1971 nochmal wiederkommen. Es folgt ein Hinweis, dass Akademiker wie Professor Montinari erheblich profitierten von den Möglichkeiten, die man nur in Weimar habe. Dem ist nicht zu widersprechen.
Nicht als IM, sondern als Herausgeber und Interpret der Briefe von Theodor Fontane an Julius Rodenberg kann man den IM schon seit 1969 kennen, hier natürlich unter dem Namen Reuter. Eben der Preisträger von 1972. Dem Juden Rodenberg, ursprünglich Levy, nach dem in Berlin eine Straße benannt ist, wirft Reuter vor, sich über Gebühr in den Vordergrund zu spielen, kein klares Verhältnis zum Feudalsystem in Preußen zu haben und voller Widersprüche zu stecken. Geldgier wird angedeutet, ein Klischee wird bedient. Und das von einem IM, der einen Mann bespitzelt, mit dem ihn fast Freundschaft verband. Theodor Fontane verdankte dem Verleger und Herausgeber Julius Rodenberg viel. Freunde wurden sie nicht. Reuter sieht Rodenberg “am Ende im Lager der Renegaten”. So zu denken, ist ihm natürlich unbenommen. Sich Gießhübler oder Giesshübler zu nennen oder genannt zu werden, ist allerdings schon ziemlich speziell. Wikipedia weiß: “Ab 1964 war Reuter als inoffizieller Mitarbeiter (IM) ‚Giesshübler‘ für die HA XX des MfS, Bezirksverwaltung Erfurt, tätig (BStU Erfurt, Az. 542/78 Bd. 1 u. 2).“
Ob es bei der Stasi auch eine “Effi” gab? Vielleicht mit Kontakt zur Villa in der Fontane-Straße in Neuruppin? Bitte melden!







