Denk mal!
Einem Hilfsverb wie “sein” ist nicht leicht beizukommen, wenn es als Leitwort in den Mittelpunkt gerückt wird wie in dem Werk “Nicht alles ist…” von Gerd Wille. Nicht alles ist schon gelesen. Aber genug, um auch andere anzuregen zur Lektüre. Oder abzuschrecken. Denn sich darauf einzulassen, geht mit dem Risiko einher, Alltagsworte wie “alles” und “nichts” und eben “sein” nicht mehr beiläufig zu verwenden. Alles klar?
Von Volkmar Heuer-Strathmann
Fast 500 Seiten sind es am Ende geworden, die lange Literaturliste mitgezählt. Was den Anstoß gab, erfährt man nicht. In seiner Dissertation hat sich Gerd Wille vor etwas mehr als 50 Jahren mit “Wissenschaftsideologien” befasst. An der Universität Göttingen war Wille für einige Zeit forschend und lehrend tätig. Auf jeden Fall wird Erich Fromms “Haben oder Sein” in “Nicht alles ist” nicht fortgeschrieben. Die Seinsphilosophen Martin Heidegger und Jean Paul Sartre schaffen es mit ihren Hauptwerken “Sein und Zeit” (1927) und “Das Sein und das Nichts” (1943) nicht mal auf die Literaturliste. Aber Geistesgrößen wie Aristoteles, Rene Descartes, Gottfried Wilhelm Leibniz, Immanuel Kant, Edmund Husserl und Gottlob Frege. Ein gewisses männliches Übergewicht ist nicht zu übersehen.

Einen originellen Zugang gewährt eine Anekdote. Ein erster Höhepunkt ist ein “Dialog zwischen Gerd und Astrid Wille”. Man hat dann schon zwei von acht Kapiteln des fein untergliederten Werks bewältigt. Das erste mit der Überschrift “Ist Gegenstand der Ontologie das Sein?” nennt Wille am Ende einen “Entwirrversuch”. Ob er glückt, hängt sicherlich nicht nur von den Erläuterungen ab. Lesersein kann alles Mögliche sein. Alles Mögliche? Wille hat über Kapitel 2 wieder eine Frage gestellt: “Ist Alles Gegenstand der Ontologie?” Für “Alles und nichts” reichen gerade mal 14 Zeilen. Wenn man doch bloß noch erinnerte, warum man bei der Lektüre “Alle Vögel sind schon da…” darunter notiert hat. “Nichts ist unmöglich”, wird vom Autor selbst irgendwann aufgegriffen, also nicht in “Negate im Vergleich”, dem Abschnitt vor der Begegnung mit der Gattin. Wer mit den knappen Angaben zur Vita anfängt, weiß ja, dass Astrid und Gerd Wille 1971 geheiratet haben. Aber greifen wir uns lieber zuerst die Anekdote.
Angesichts einer Vielzahl an Blumen unterschiedlichen Aussehens will ein Mädchen wissen, was davon denn Geranien seien. “Sind alle”, lautet die knappe Antwort. Wer alle beisammen hat oder fast, muss die Pointe nicht erklärt bekommen. Der Fall macht deutlich, was für das ganze Buch gilt: Genaues Lesen wird verlangt und Gespür für Hintersinn und Mehrdeutigkeit ist nicht von Nachteil. Auch beim Dialog. Astrid Wille war lange Zeit an einem sehr autoritär geführten Gymnasium in Niedersachsen tätig. Im Dialog mit dem Gatten hält sie schon bald nicht mehr an sich: “Jetzt redest du Unsinn.” Er hatte sich über Vorstellbares und Unvorstellbares geäußert. Sie hört sehr genau hin. Er sagt, das Nichts sei erwähnbar, obwohl es kaum vorstellbar sei. Sie sagt: “Ich kann mir das Nichts ganz gut vorstellen. Es ist absolut schwarz, sehr kalt, leer und frei von Feldern.” Leider bleibt es bei diesem einen Dialog. Dabei hätten sich immer wieder Gelegenheiten gegeben. Ihre Frage am Ende ist nicht zu übertreffen, gibt sie doch gleichsam eine Anregung für Lesende: “Sollen wir eine Musik anstellen?” Und wenn ja, was täte gut?

Mit “Wie enthält die Welt was?”, geht’s bedacht weiter. Bedacht? “Welt” wird weit aufgeblättert. “Was der Fall ist”, führt nicht ins Juristische. Der Welt “Ordnung” wird ordentlich untersucht. “Das Wunder der Wolkenvermehrung” verliert allerdings nicht alles Nebulöse. “Wie gerät Sein in Bewegung?”, lebt von Willes Bemühen um klare Gedankenführung. Noch gut hundert Seiten. Das Interesse ist noch gewachsen. Durststrecken gab es auch. Und die Verlockung, einfach bisschen vorzublättern. Etwa zu “Zeit als Dauer”, wo man lesen darf: “Eine Fahrt auf der Autobahn kann rasend schnell stattfinden und doch furchtbar lange dauern.” Oder, welch’ Zufall, zu Heine, zum “Fräulein am Meere”. Nur nicht an Disziplin verlieren! Brav zurück zu Abschnitten wie “Merkmale des Seiendseins” oder später “Wie falsch sehen wir die Welt?”…

Fotos: VHS
Am Tag der Auslieferung des Werks traf man sich zu leicht fortgeschrittener Zeit völlig zufällig in einem Supermarkt. Die Willes waren anscheinend mit Entscheidungen befasst. Abteilung Obst und Gemüse. Da stört man lieber nicht länger. Und das Werk wartete ja. Es sollte noch dauern, bis es hieß: “Die Unwiederholbarkeit der Ereignisse und der Zeitpunkte”. Wiederholen und wieder holen. Lieber umfahren statt umfahren! Gerd Willes Werk liest sich nicht nebenbei. Liest sich? Mit Zusammenfassungen bietet er Service. Mit Ausflügen in Formelsprachen geht er an Grenzen der Belastbarkeit. Notizen vom Kaffeetrinken daheim wirken locker. Mit Astrid hätte er ruhig öfter reden sollen. Über alles. Wo sie einst lehrte, galt sie als sehr belesen und diskussionsfreudig. Den Lesenden rät Gerd Wille übrigens angesichts seiner Dominanz als Autor: “Nun ja, schreiben Sie an den Rand!” Als er gleich zu Beginn über Rosen sinniert, liest man: “Ich erwähne hier nicht ihren Duft.” Man selbst am Rand: “Schade!” Sein mit allen Sinnen? Nicht unter 1000 Seiten? Der Autor lässt sich nicht beirren, nicht verführen, nicht verwirren. Dann lieber Prosa. Er weiß, der Duft “besteht aus abgesonderter Materie der Rose”. Und die Aura des Buchs? Sieht schon ziemlich zerlesen aus. Und beim “merologischen Paradox”, der einzigen Seite mit einer Abbildung, wieder eines dieser Eselsohren für besonders merkwürdig seiendes Gedrucktes…
