9000 Haushalte profitieren: Fernwärme in Neuruppin kommt ab 2027 aus der Erde

Ab Frühjahr 2027 soll ein Großteil der Neuruppiner Fernwärme aus Geothermie stammen. Die Stadtwerke investieren rund 32 Millionen Euro in das Projekt, das jährlich bis zu 30.000 Tonnen CO₂ einsparen und die Stadt unabhängiger von fossilen Energieträgern machen soll.

Von macron

Wie die MAZ in der Ausgabe vom 4. Juni 2026 berichtet, besuchte Landrat Ralf Reinhardt in diesen Tagen die Baustelle der neuen Geothermieanlage der Stadtwerke Neuruppin in der Heinrich-Rau-Straße. Dort entsteht derzeit eines der größten Infrastrukturprojekte der jüngeren Stadtgeschichte. Ab 2027 soll ein Großteil der Fernwärme für Neuruppin nicht mehr aus Erdgas, sondern aus der Tiefe der Erde kommen.

Rund 32 Millionen Euro investieren die Stadtwerke Neuruppin in die Umstellung ihrer Wärmeversorgung. Etwa 9.000 Haushalte sollen künftig von der Erdwärme profitieren. Bereits 2024 wurden auf dem Stadtwerke-Gelände zwei rund 1.800 Meter tiefe Bohrungen niedergebracht. Durch die eine Bohrung wird künftig etwa 68 bis 70 Grad heißes Thermalwasser an die Oberfläche gefördert. Nach der Wärmeentnahme wird das Wasser über die zweite Bohrung wieder in den Untergrund zurückgeführt.

Derzeit gleicht das Gelände noch einer Großbaustelle. Für Wärmetauscher, Pumpen und Leitungen entstehen neue Gebäude. Im September sollen die für das Projekt vorgesehenen Großwärmepumpen in Frankreich abgenommen werden. Nach Angaben der Stadtwerke befindet sich das Vorhaben inzwischen „zur Halbzeit“ der Bauphase. Der Testbetrieb soll im Frühjahr 2027 beginnen, die reguläre Einspeisung der geothermischen Wärme ist für März oder April 2027 vorgesehen.

Symbolbild: Großtechnische Wärmepumoen
Dfpearson, CC BY-SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Commons

Technisch handelt es sich um ein anspruchsvolles Vorhaben. Das salzhaltige Thermalwasser steht in der Tiefe unter einem Druck von rund 200 Bar und darf zu keinem Zeitpunkt mit Sauerstoff in Kontakt kommen. Die Wärme wird über einen geschlossenen Kreislauf gewonnen. Das aus der Tiefe geförderte Wasser reicht mit seinen knapp 70 Grad allerdings nicht aus, um das Fernwärmenetz direkt zu versorgen. Deshalb setzen die Stadtwerke auf insgesamt sechs Großwärmepumpen, die die Temperatur um weitere rund 20 Grad auf das benötigte Niveau anheben.

Nach Angaben der Stadtwerke sollen künftig rund 70 bis 80 Prozent der Fernwärme aus Geothermie stammen. Die kalkulierte Wärmeeinspeisung liegt bei etwa 76 Millionen Kilowattstunden pro Jahr. Damit gehört das Vorhaben zu den größten Geothermieprojekten Brandenburgs.

Interessant sind dabei auch die Größenordnungen hinter dem Projekt. Ausgehend von den veröffentlichten Daten dürfte die elektrische Leistungsaufnahme der Wärmepumpen im Bereich von etwa drei bis fünf Megawatt liegen. Der jährliche Strombedarf wird auf etwa 15 bis 19 Gigawattstunden geschätzt. Rein rechnerisch könnte dieser Strombedarf bereits durch ein modernes Windrad der Fünf- bis Sechs-Megawatt-Klasse bilanziell gedeckt werden. Alternativ wären dafür etwa 15 bis 20 Megawatt Photovoltaikleistung erforderlich, was je nach Bauweise ungefähr 12 bis 20 Hektar Freifläche entsprechen würde. Bis es soweit ist, wird der Strommix auch aus fossilen Energieträgern bestehen.

Auch beim Klimaschutz sind die Auswirkungen erheblich. Nach Angaben der Stadtwerke können durch die Umstellung bis zu 30.000 Tonnen CO₂ pro Jahr eingespart werden. Selbst konservative Berechnungen gehen noch von deutlich über 10.000 Tonnen jährlich aus. Damit zählt die Geothermie zu den wichtigsten Bausteinen auf dem Weg zur klimafreundlichen Wärmeversorgung der Fontanestadt.

Für die Kundinnen und Kunden soll sich zunächst wenig ändern. Heizungen in Wohnungen und Häusern müssen nicht umgebaut werden. Die Wärme kommt weiterhin über das bestehende Fernwärmenetz ins Haus. Auch das Holzhackschnitzel-Heizwerk an der Ernst-Toller-Straße bleibt als Bestandteil der Wärmeversorgung erhalten. Die bisherigen gasbetriebenen Anlagen sollen ebenfalls als Reserve vorgehalten werden.

Für Stadtwerke-Geschäftsführer Thoralf Uebach steht dabei vor allem ein Ziel im Vordergrund: mehr Unabhängigkeit von den internationalen Energiemärkten. Während Erdgaspreise von Krisen, Kriegen und geopolitischen Entwicklungen beeinflusst werden, liegt die Wärmequelle für Neuruppin künftig direkt unter den eigenen Füßen. Das bereits vorhandene, weit verzweigte Fernwärmenetz bezeichnet Uebach deshalb als den „großen Schatz“ der Stadt. Es ermöglicht überhaupt erst, die Wärme aus der Tiefe in großem Umfang zu den Verbraucherinnen und Verbrauchern zu bringen.

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