„Nie wieder ist jetzt“ – Neuruppin gedenkt der Opfer des Nationalsozialismus

Mit bewegenden Lesungen, klaren Worten von Bürgermeister Nico Ruhle und Landrat Ralf Reinhardt sowie musikalischer Begleitung gedachte Neuruppin am 27. Januar 2026 der Opfer des Nationalsozialismus – und setzte ein deutliches Zeichen: „Nie wieder ist jetzt.“

Von: macron

Mit einer würdevollen Gedenkveranstaltung auf dem OdFPlatz erinnerte die Fontanestadt Neuruppin am 27. Januar 2026 an die Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz. Bürgermeister Nico Ruhle und Landrat Ralf Reinhardt sprachen zu den Anwesenden, begleitet von Lesungen und einer musikalischen Umrahmung durch die Bläser der Kreismusikschule OPR. Zahlreiche Bürgerinnen und Bürger, Vertreterinnen und Vertreter aus Politik und Zivilgesellschaft sowie Initiativen wie „Neuruppin bleibt bunt“, das Jugendwohnprojekt Mittendrin und die „Omas gegen Rechts“ nahmen teil.

Bereits zum Auftakt setzte die Kreismusikschule mit einem Bläserstück einen stillen, eindringlichen Ton. Es folgte eine Lesung von Sabine Wagner, die für die „Omas gegen Rechts!“ und „Neuruppin bleibt bunt“ sprach und an das Leben des Neuruppiner Arztes Dr. Fritz Leo erinnerte.

Zeugnis aus den „Höllen“

Dr. Fritz Lettow war 1935 von der Gestapo verhaftet worden. Er überlebte die Konzentrationslager Buchenwald, Sachsenhausen, Natzweiler-Struthof und KZ Bergen-Belsen. Noch im Sommer 1945 schrieb er seine Erinnerungen nieder. Sein Buch „Arzt in den Höllen“ dokumentiert das Grauen aus der Perspektive eines Häftlingsarztes.

Sabine Wagner las aus dem Buch „Arzt in den Höllen“ von Fritz Lettow

Sabine Wagner las aus Lettows Schilderungen über medizinische Experimente und die Ermordung von Frauen im KZ Natzweiler-Struthof. Die nüchternen, präzisen Worte zeichneten das Bild systematischer Entmenschlichung – von Röntgenversuchen über Blutentnahmen bis hin zur Vergasung in einer getarnten „Badeanstalt“. Besonders eindringlich war die Passage über die zynischen Todesbescheinigungen, mit denen Angehörige getäuscht wurden: Man habe „trotz aufopfernder Pflege“ das Leben nicht retten können, hieß es darin.

„Nie wieder ist jetzt“, schloss Wagner ihre Lesung. Das Gedenken gelte den Millionen Opfern des NS-Terrorregimes – und der Verpflichtung, alles zu tun, damit sich solches Unrecht nicht wiederhole.

Nico Ruhle mahnt: „Wir können nicht sagen, wir hätten nichts gewusst“

„Erinnern heißt handeln“

Bürgermeister Nico Ruhle griff diesen Gedanken auf. Die Schilderungen aus Leos Buch seien „schwer zu ertragen“, sagte er. Doch sie führten vor Augen, „welche dunkelsten Abgründe menschlicher Geschichte“ sich in den Lagern offenbart hätten. Leos Aufzeichnungen seien ein „erschütterndes Zeugnis über das System der Vernichtung“, das die Nationalsozialisten installiert hätten, um Menschen systematisch zu ermorden und ihrer Würde zu berauben.

Erinnerung dürfe kein passiver Zustand bleiben, betonte Ruhle. „Wir als Nachgeborene können nicht sagen, wir hätten davon nichts gewusst.“ Die Stolpersteine in Neuruppin holten die Opfer „aus der Anonymität zurück, geben ihnen Identität und Würde“. Das Grauen habe nicht erst in den Lagern begonnen, sondern „mitten unter uns, in der Nachbarschaft“.

„Erinnern heißt handeln“, so der Bürgermeister. Es bedeute, aufzustehen, wenn Menschen ausgegrenzt werden, zu widersprechen, wenn Hass gesät wird, und die Demokratie zu verteidigen. „Wir werden die Opfer nicht vergessen. Nie wieder ist jetzt.“

Landrat Ralf Reinhard mahnt unsere Demokratie zu verteidigen

„Wir sind mehr“

Landrat Ralf Reinhardt stellte das historische Gedenken in einen aktuellen Kontext. Auschwitz symbolisiere wie kein anderer Ort die nationalsozialistischen Verbrechen. „Allein in Auschwitz wurden mindestens 1,1 Millionen Menschen ermordet, mehr als 90 Prozent von ihnen waren jüdischen Glaubens“, erinnerte er.

Heute sei die Erinnerung „dringender denn je“. Wenn Rassismus als Meinung verpackt werde, wenn Desinformation Vertrauen in Institutionen erschüttere und demokratisch Engagierte diffamiert würden, stelle sich die Frage: „Wo stehen wir dann?“ Der Weg von manipulierter Meinung zu Hass und Tat sei „ein schmaler Grat“.

Reinhardt rief dazu auf, sich entschieden entgegenzustellen: „Wir müssen endlich aufwachen, unsere Demokratie und unsere Rechte verteidigen.“ Zugleich zeigte er sich zuversichtlich: „Wir sind mehr als die, die gegen Toleranz und gesellschaftlichen Zusammenhalt sind.“ Der 27. Januar sei nicht nur Rückblick, sondern Verpflichtung – gegen Antisemitismus, Rassismus und Ausgrenzung, „heute und jetzt“.

„Ich bin hier und alles ist jetzt“ Petra Zimdars liest aus dem Buch von Eva Eger

„Wir haben eine Wahl“

Eine weitere Lesung übernahm Petra Zimdars von den „Omas gegen Rechts“ und dem Aktionsbündnis „Neuruppin bleibt bunt“. Sie erinnerte an die Holocaust-Überlebende und Psychotherapeutin Dr. Edith Eva Eger. Deren Buch „Ich bin hier und alles ist jetzt“ sei, so zitierte sie, von Desmond Tutu als „Geschenk für die Menschheit“ bezeichnet worden.

Zimdars schilderte Egers Deportation nach Auschwitz im Alter von 16 Jahren, die Ermordung ihrer Eltern und den Todesmarsch nach Gunskirchen. In einem bewegenden Auszug aus dem Kapitel „In der Hölle tanzen“ las sie von der Demütigung nach der Ankunft im Lager – vom Kahlscheren, von den Blicken der Täter, vom Gefühl totaler Entwürdigung.

Besonders eindrücklich war die Szene zwischen Edith und ihrer Schwester Magda, die nach dem Verlust der Haare fragt: „Wie sehe ich aus? Sag mir die Wahrheit.“ Egers Antwort lautet: „Deine Augen sind so wunderschön.“ Darin liege die Erkenntnis, „dass wir eine Wahl haben, uns auf das zu konzentrieren, was wir verloren haben, oder auf das, was wir immer noch haben.“

Diese innere Haltung habe ihr Überleben ermöglicht – und sei zugleich eine Botschaft an die Gegenwart.

Kranzniederlegung und stiller Ausklang

Zum Abschluss lud Bürgermeister Ruhle die Anwesenden ein, Blumen und Kränze niederzulegen. Während die Bläser der Kreismusikschule ein letztes Stück spielten, verharrten viele in stillem Gedenken.

Der 27. Januar auf dem ODF-Platz machte deutlich: Erinnerung ist mehr als Ritual. Sie ist Auftrag – für Menschlichkeit, Würde und eine wehrhafte Demokratie.

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