Kann denn Fußball Sünde sein?

Kann man Fußball lieben und zugleich Nationalhymnen verweigern? Eine ebenso ironische wie nachdenkliche Glosse über Weltmeisterschaften, Fußballästhetik und die Frage, warum das schöne Spiel mehr sein könnte als nationaler Wettbewerb.

Von Otto Wynen

In meinen Kreisen interessiert sich ja vermutlich kein Schwein (ja, sacht ma so) für Fußball, oda? Für die deutsche Nationalelf (schon das Wort löst allergische Reaktionen aus) erst recht niemand. Ich sag mal vorsichtshalber: wahrscheinlich erst recht niemand. Für Menschen meines Schlages ist eine Nationalelf ein Atavismus. Wir sind heute Globalisten (ich glaube, das Wort sollte ich vielleicht lieber nicht verwenden), also: Kosmopoliten. Was sollen wir da mit einer Nationalelf? Bei Deutschlandfahnen und Nationalhymne gibt es dann sogar diesen unangenehmen Juckreiz am ganzen Körper. Die Lippen fest aufeinander gepresst, soll kein Wörtchen von mir den nationalen Gesangstaumel verstärken. Ich bin und bleibe Nationalhymnenverweigerer. Und damit bin ich – wie ich unschwer erkennen kann, wenn die Kamera mit Nahaufnahme jeden einzelnen Sangesbruder der Nationalelf aufs Korn nimmt – in bester Gesellschaft. Außer Joshua Kimmich, Manuel Neuer und Antonio Rüdiger, deutet der Rest der Mannschaft ein Mitsingen nur ganz verschämt an. Das gibt von meiner Seite schon mal ´ne Menge Sympathiepunkte. In den sozialen Medien aber vermutlich einen Shit-Tsunami. Jetzt verrenne ich mich die ganze Zeit schon bei so Nebensächlichkeiten; ich wollte doch eigentlich was zum Fußball sagen. Als alter Wessi bin ich mit Netzer, Beckenbauer, Sigi Held und Overath groß geworden. Das ist jetzt schon mehr als ein halbes Jahrhundert her, sie bilden aber auch heute immer noch mein Erinnerungsgerüst und Erinnerungsmaßstab. Alles, was später kam, verschwimmt in meinen Erinnerungen.

Die große Bühne des Fußballs: Wo Begeisterung beginnt und gesellschaftliche Debatten oft nicht weit sind.
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Trotzdem raffe ich mich zu jeder Weltmeisterschaft erneut dazu auf, „den Deutschen“ die Daumen zu drücken. Nicht euphorisch, eher so klammheimlich. Und ich versuche mir all die Namen und Gesichter einzuprägen. Mein Topspieler – allein wegen seines Namens: Leroy Sané. Und Jamal Musiala. Die Namen sind Musik, das Spiel die pure Eleganz. Musiala hat überdies so ein geheimnisvoll diabolisches Lächeln. Und Schlotterbeck muss man natürlich auch sofort mögen. Schlotterbeck. Ein Abwehr-Recke. Klingt doch nach Satire. Wieso ich so viel Zeit habe, über die Namen „unserer Spieler“ zu meditieren? Ganz einfach, weil das Spiel so behäbig und so voraussehbar ist, dass ich schon nach den ersten Spielzügen in so eine Trance verfalle, um mir trotz der mehr als dürftigen sportlichen Leistungen einen schönen Fußballabend zu machen. Das gelingt natürlich nur, wenn man den strunzdoofen Kommentator stumm schaltet. Und das ganze überbezahlte sogenannte Experten-Gesabbel gleich mit.

Die deutschen Spieler, beinahe hätte ich ganz kumpelhaft geschrieben: die deutschen Jungs, sind durch die Bank Jung-Millionäre. Ich gönn´s ihnen. Auf dem Fußballfeld wird der alte Tellerwäschertraum eben noch Wirklichkeit. Und sie spielen – jeder für sich – göttlich. Nur eben nicht gemeinsam. Auf dem Fußballplatz sieht man den Spätkapitalismus in Reinkultur. Jeder schuftet für sich, aber es gibt keinen gemeinsamen Spirit. Aber sollte ich mir den überhaupt wünschen? Was sollte das für ein Spirit sein? Vielleicht braucht der Fußball – jetzt ist Phantasie gefragt – jenseits des Nationalbrimboriums eine andere verbindende Idee. Vielleicht kann die Kunst da helfen. Fußball könnte ein ästhetisches Ereignis sein. Wie man dann ein Spiel gewinnt oder auch verliert, darüber müssen wir uns dann wohl noch ein paar Gedanken machen.

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