Millionen Menschen verließen Ostdeutschland Foto von Gritte auf Unsplash
Angestoßen durch den Vortrag von Steffen Mau in Wustrau geht dieser Beitrag der Frage nach, welche Folgen die Abwanderung junger Frauen für Gesellschaft, Demokratie und politische Entwicklungen in Ostdeutschland hat.
Von macron
Als Professor Dr. Steffen Mau kürzlich im Brandenburg-Preußen Museum Wustrau über sein Buch „Ungleich vereint – Warum der Osten anders bleibt“ sprach, war es vor allem ein Gedanke, der viele Zuhörer aufhorchen ließ. Mau beschrieb Ostdeutschland als eine alternde und schrumpfende Gesellschaft, in der seit der Wiedervereinigung besonders viele junge und gut ausgebildete Frauen abgewandert sind. Zurück geblieben seien überdurchschnittlich häufig Männer – vor allem in ländlichen Regionen.
Mau sprach dabei von einem Phänomen, das weit über Fragen von Partnerschaft und Familiengründung hinausgeht. Wo auf 100 Frauen 120, 130 oder gar 140 Männer kommen, verändere sich die soziale Struktur ganzer Regionen. Gleichzeitig warnte er davor, dass die Ablehnung von Zuwanderung in vielen schrumpfenden Regionen einem „demografischen und ökonomischen Suizid“ nahekomme. Die Aussage blieb nach dem Vortrag im Raum stehen und führte zu einer naheliegenden Frage: Gibt es einen Zusammenhang zwischen Frauendefizit, gesellschaftlicher Entwicklung und der politischen Radikalisierung in Teilen Ostdeutschlands?

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Ein Blick in die aktuelle Forschung zeigt, dass sich inzwischen zahlreiche Soziologen, Bevölkerungsforscher und Politikwissenschaftler genau mit dieser Frage beschäftigen.
Der Ursprung der Entwicklung liegt in den Jahren nach der Wiedervereinigung. Millionen Menschen verließen Ostdeutschland. Besonders häufig waren es junge Frauen, die für Ausbildung, Studium oder bessere Berufschancen in westdeutsche Ballungsräume gingen. Viele von ihnen kehrten später nicht zurück. Währenddessen blieben in vielen Regionen Männer zurück, die oftmals geringere Bildungsabschlüsse hatten oder stärker an ihren Heimatort gebunden waren.
Die Folgen sind bis heute sichtbar. In zahlreichen ländlichen Regionen Ostdeutschlands besteht ein deutlicher Männerüberschuss. Gleichzeitig fehlen die Kinder jener Frauen, die ihre Heimat verlassen haben. Schulen wurden geschlossen, Vereine verloren Mitglieder, öffentliche Infrastruktur wurde zurückgebaut.
Die Kasseler Soziologin Katja Salomo verweist darauf, dass mit den jungen Frauen nicht nur potenzielle Mütter gingen, sondern häufig auch Menschen, die später Verantwortung in Vereinen, Elternvertretungen, Kirchengemeinden oder der Kommunalpolitik übernehmen. Wo diese Menschen fehlen, verändert sich das gesellschaftliche Klima.
Forscher warnen allerdings davor, den Frauenmangel als alleinige Ursache für Rechtspopulismus oder Demokratieverdrossenheit zu betrachten. Die Zusammenhänge sind komplexer. Dort, wo Frauenmangel besonders ausgeprägt ist, finden sich häufig gleichzeitig wirtschaftliche Probleme, Bevölkerungsverluste, Überalterung und fehlende Zukunftsperspektiven. Es ist diese Kombination, die Regionen anfälliger für politische Protesthaltungen machen kann.
Interessant ist dabei, dass viele der von Mau beschriebenen Entwicklungen ineinandergreifen. Die Abwanderung führt zu Bevölkerungsverlusten. Der Bevölkerungsverlust erschwert wirtschaftliche Entwicklung. Fehlende wirtschaftliche Perspektiven fördern weitere Abwanderung. Gleichzeitig entstehen Fachkräfteengpässe. Eigentlich wären viele dieser Regionen auf Zuwanderung angewiesen. Doch gerade dort, wo die demografischen Probleme besonders groß sind, ist die Skepsis gegenüber Zuwanderung oft ebenfalls besonders ausgeprägt.
Mau bezeichnete diesen Widerspruch in Wustrau als eine Entwicklung, die langfristig einem „demografischen und ökonomischen Suizid“ gleichkommen könne. Regionen, die Arbeitskräfte, Familien und junge Menschen dringend benötigen, verschließen sich häufig genau den Gruppen, die zur Stabilisierung beitragen könnten.
Vielleicht erklärt dies auch einen Teil der politischen Spannungen, die heute vielerorts sichtbar werden. Die Debatte über Migration, Demokratie oder den Erfolg der AfD ist dann nicht nur eine politische Debatte. Sie ist auch eine Debatte über Demografie, Abwanderung und die Frage, wie eine Gesellschaft mit dem Verlust eines großen Teils ihrer jungen Generation umgeht.
Steffen Mau hat in Wustrau keine einfachen Antworten gegeben. Aber er hat auf einen Zusammenhang aufmerksam gemacht, der in der öffentlichen Diskussion oft übersehen wird: Die Zukunft Ostdeutschlands entscheidet sich nicht allein an Wahlurnen, sondern auch daran, ob es gelingt, Regionen für junge Menschen, Familien, Fachkräfte und Zuwanderer wieder attraktiv zu machen.
