Herrchen grüßt Frauchen Bild von Zigmars Berzins auf Pixabay
Ein beiläufiges Wort genügt – und plötzlich geraten Sprache, Gewohnheiten und gesellschaftlicher Wandel in Bewegung. Eine augenzwinkernde Glosse über das „Frauchen“, sprachliche Empfindlichkeiten und die Kunst, lieber freundlich als rechthaberisch zu sein.
Von Otto Wynen
Kinder, Kinder, es gibt schon komische Vögel. Sorry, ich meine natürlich, Menschen, Leute. Vermutlich bin ich selbst eher einer der komischen Vögel. Und je älter ich werde, umso schrulliger. Immer mal wieder so ein bisschen neben der Spur. Dabei geht´s mir beileibe nicht darum, einfach nur meinen Spaß zu haben (das zwar auch…), aber es ist was anderes, was mich antreibt. Und solange ich noch glaube, es im Griff zu haben, erlaube ich mir, meine „Verhaltensauffälligkeiten“ oder auch „Redeauffälligkeiten“ auszuleben. Vor allem aber habe ich mir vorgenommen, allen Menschen, (ich schränke das jetzt mal aus „politischen Gründen“ ein bisschen ein), jeden verbalen Blödsinn zuzugestehen. Mehr noch, ich behaupte, all die täglichen „Verrücktheiten“ machen unser Zusammenleben erst wahrhaft menschlich. Diese weitreichende Toleranz rührt noch aus ganz jungen Jahren, als ich viel mit „schwer erziehbaren“ Jugendlichen zu tun hatte, die immer auf Provokation aus waren. Da jedes Mal zu explodieren, zurechtzuweisen oder beleidigt zu sein, wäre absurd gewesen.
Diesen Zug des gleichmütigen Hinnehmens von verbalen Ausrutschern, von Beschimpfungen und Provokationen einerseits und sprachlichen Gewohnheiten andererseits, habe ich mir zeitlebens bewahrt. Und darüber bin ich heilfroh.
Gestern Abend zum Beispiel: ich sitze im Gespräch, eine gute Bekannte kommt vorbei, will nicht weiter stören, sagt zwei, drei Sätze und verabschiedet sich mit dem Satz: „Und grüße dein Frauchen.“ Hoppla, dachte ich sofort. „Frauchen“, das höre ich selten. Aber immer mal wieder. Von völlig normalen Leuten. Zwar eher etwas älteren, aber eben durch und durch normalen Leuten. „Mein Frauchen“, – es klingt in meinen Ohren so fremdartig, zugleich aber wie eine vertraute, zutrauliche Freundlichkeit. Zur Klarstellung: verheiratet bin ich nicht. Sagt jemand: „Grüße Deine Frau“ antworte ich oft: „Meine Freundin. Mach ich.“ Ich bin eben nicht verheiratet. Zurück zum „Frauchen“. Ich war perplex. „Frauchen“ – woher kommt mir das bekannt vor. Ah, aus dem Hundeleben. Hunde gehen mit Frauchen spazieren. Vermute ich jedenfalls. Dann sagen es Frauchen zu ihrem Hundchen, um Gassi zu gehen. Oder so ähnlich. In dieser Konstellation, stelle ich mir vor, wird Frauchen immer mal wieder angesprochen. Ist ja auch eine lässige Art der Kontaktaufnahme: Frau kommt mit Hund vorbei. Mann spricht Hund an, fragt: „Na, mit Frauchen Gassi gehen?“ Obwohl Hundchen weiß, wen er da an der Leine hat, schaut es dann meist verständnislos in die Landschaft. Gut, von Hundchen erwarte ich jetzt auch nicht unbedingt eine ausgeprägte Sprachsensibilität. Vermutlich ist es Hundchen auch egal, wer ihn zu den duftenden Bäumen führt.

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Ach, warum lässt mich bloß das „Frauchen“ nicht los? Warum treibt mich die Rede vom „Frauchen“ so um? Ich bekenne: ich bin amüsiert. Ein bisschen. Aber ich bin auch nicht „von gestern“. In mir flüstern eine ganze Reihe emanzipativer Gedanken: „Los, sag was. Das kannst Du nicht stehen lassen.“ „Och“, sag ich dann meinen EinflüsterInnen, „war doch total lieb gemeint.“ „Diminutiv verkleinert. Das geht gaaaaar nicht“ sagt eine FlüsterIn. Man kennt ja dieses dogmatische „geht gar nicht“ zur Genüge. Ich also zur Flüsterstimme: “Ich werd doch hier jetzt keine Sprachschule eröffnen.“ Toll findet die Flüsterstimme meine Bemerkung nicht. Ganz im Gegenteil. Auweia, denk ich, das Leben stellt einen selbst in den banalsten Momenten vor die schwierigsten Herausforderungen. Gott sei Dank, habe ich aus einem der schönsten Jugend-Bücher der Weltliteratur eine Maxime, die mich sicher durch das Alltagsleben navigiert. Sie lautet: „Wenn du die Wahl hast, ob du Recht behalten oder freundlich sein sollst, wähle die Freundlichkeit.“ Das Buch heißt „Wunder“. Ich lächle.

Ich saß mit am Tisch. Aber ein herumstreunendes Weibchen, das am Ende von „Frauchen“ spricht, reicht, um als Mensch völlig in den Hintergrund zu rücken. Kein Hund wollte so leben…