Wenn von tausend Kleinigkeiten große tiefe Lebensnarben bleiben…

Der kleinen Irma wird die Linkshänderei ausgetrieben. Ein älterer Zeitgenosse erinnert die Betroffene Jahre später an diese “Kleinigkeit” aus der Kindheit. Liest man das, hat man noch zwei Seiten vor sich von Franziska Hausers Roman “Am Ende der Kleinigkeiten” und 344 Seiten hinter sich. Alles sehr prosaisch. Und alles andere als einfach. In der Fontane Buchhandlung wählte die Autorin die Eröffnung als Einstieg. Otto Wynen moderierte. Es war beiden anzumerken, dass sie hier nicht zum ersten Mal aufeinandertrafen.

Von Volkmar Heuer-Strathmann

Wer wie der Verfasser die erste Dreiviertelstunde der Veranstaltung im Museum zu Ehren von Alexander Gentz noch gerne mitgenommen hatte, wusste nun, dass Helene Gentz sieben Kinder zur Welt gebracht hatte und dass die Eheleute in bestem Einvernehmen noch fünf unbehauste Kinder bei sich aufnahmen. Umschalten!
Irma, die Erzählerin im Hauser-Werk, ist die Mutter von Kolja und die Tochter einer Frau, die vielleicht besser und lieber kein Kind hätte. Nun hat sie Irma am Hals. Man lebt in “Zeugland”, einer Siedlungsgemeinschaft, in der bei allen guten Absichten dieses Kollektivs insbesondere Zwangsneurosen und Zwiespältigkeiten wie jene der Mutter ausgelebt werden können. Es ist bedrückend, was die Autorin vorliest. Und verwirrend, dass Otto Wynen sich, wie er später sagt, an die Utopie von Kommunen erinnert fühlt.
Franziska Hauser kam 1975 in Pankow zur Welt, also in der DDR-Kommune mit 10 Geboten und sozialistisch geprägten Kopfnoten. Otto Wynens Frage, wie viel von ihrem eigenen Leben in Irma stecke, zielte sicherlich nicht auf eine Prozentzahl. Die interessiert Lauschenden, fast ausschließlich Frauen, erfahren, dass im zweiten Erfahrungsfeld von Irma, die mit 15 abhaut Richtung Berlin, mehr von ihrem eigenen Leben stecke. Es ist die Theaterwelt. Eindeutige Andeutungen lassen im Roman nur den Schiffbauerdamm als Adresse zu. Eine zweite Lesepassage ist in diesem Milieu der Schauspielkunst angesiedelt. Die Autorin spricht im Gespräch vom “Sturz in eine neue Welt”. Zugleich betont sie, wie sehr Männer ihres Erachtens das ganze Theater immer noch dominierten. Ein V vorneweg hätte hier einen schönen Effekt, auch im Hinblick auf BB. Nein, nicht Brigitte Bardot. Der Liebhaber großer Autos und Verächter der Einfühlsamkeit. Eine ziemlich positive Heldin Helene zu nennen, wirkt verschmitzt. Nein, nicht wegen der Fischerin. Mit Namen kann ohne Ende gespielt werden. Mit Beziehungen. Mit Schicksalsschlägen. Mit Visionen. Das mache den Zauber des Theaters aus und die unauflösbare Ungewissheit, da ist man sich lebens- und kulturphilosophisch einig am Tisch.

Kein ganz unbekanntes Haus in der deutschen Theaterhauptstadt?
Fotos: VHS

Versucht man den Roman ohne die Wucht der Anspielungen zu lesen, bleibt genug anregender Stoff, schon durch die Frage, wer Regie führt im Leben, gerade in der relativen Freiheit der Uneinheit, und durch das große Thema Vaterschaftstest, also der Ernstfall, gelebte Vaterschaft. Liebe scheint möglich. Selbst in Ersatzformen wie in diesem Roman der Notlösungen.
So richtig gemütlich wird’s nicht in der Leseecke. In der Ruppiner Morgenpresse war allerdings ein Loblied zu lesen, geprägt von geteilter Erfahrung und Frauensolidarität. Otto Wynen war auch als Vorleser zu erleben. Die Autorin lauschte interessiert. Was mochte da kommen? Ihre arme Irma hätte bestimmt gedacht, noch ganz an Übertragung gefesselt: “Der Kerl hat bestimmt eine Schwachstelle gefunden. Und für die Kleinigkeit soll ich mich jetzt hier schämen.” Hat er nicht. Macht er nicht. Braucht er nicht. Und Franziska ist ja nicht Irma, wissen wir ja.
Bei “Fontane” sitzt man gemeinhin sowieso nicht kleinlich zu Gericht. Man erprobt Wege, auch Irrwege, lässt Unwegbares und Unwägbares laut werden oder Laut. Man lässt sich ein auf den Stoff und auf Autor oder Autorin, also auf weit mehr, als Buchdeckel binden können. Ob nun zum Muttertag 2026, also irgendwann im Mai, allüberall, also auch in der alten neuen Gentzstadt, mit massiv anschwellender Nachfrage nach diesen Hauser’schen “Kleinigkeiten” zu rechnen ist? Alte Rechnungen verschicken? Vielleicht wäre der “Vatertag” besser geeignet für Denkzettelgeschenke dieser spröden Art.

Auch interessant

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert