“Mittendrin statt außen vor!” – Eine kritische Auseinandersetzung mit der EKD

Als „Kirchensteuerkirchen“ werden die beiden großen christlichen Glaubensgemeinschaften in Deutschland von der AfD gern bezeichnet. Man beklagt seitens der rechtspopulistischen Partei bei Gelegenheit auch politische Einseitigkeit und die Vernachlässigung der christlichen Verkündigung. Ein Gesetzesentwurf der AfD zum Komplex „Kirche und Staat“ ist bislang nur ein Papier.
Von Volkmar Heuer-Strathmann
Nicht allein vor diesem Hintergrund ist anzunehmen, dass die beiden Theologen Dr. Karl-Hinrich Manzke und Dr. Helmut Blanke mit ihrem in diesen Tagen erscheinenden Buch „Mittendrin statt außen vor!“ auf große Resonanz stoßen werden. Und gewiss auf ganz unterschiedliche Reaktionen. Ihr Untertitel: „Zur Rolle der Evangelischen Kirche in einer zunehmend polarisierten Gesellschaft“. Eine „Brandmauer“ gegenüber der AfD, ihrer Wählerschaft und deren freier Willensbekundung, das vorab, verstärke noch die leidige Polarisierung.

Von “Der Protestantismus nimmt…” bis “um Neuanfänge zu ermöglichen.”
Foto: VHS

Manzke, der ehemalige Bischof der kleinen Ev.-Lutherischen. Landeskirche Schaumburg-Lippe, ist seit 2011 Beauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) für die evangelische Seelsorge bei der Bundespolizei. Von 2013 bis 2021 hatte Blanke das Amt des Evangelischen Dekans der Bundespolizei inne. Die 32 gemeinsamen Thesen am Ende des Werks sprühen nur so vor Reformationsgeist. Ob sie bald überall in Deutschland an Kirchen- und Kapellentüren angeschlagen oder angeklebt wèrden?
Bei der nüchternen Lageanalyse bleibt es im Buch nicht. Manzke skizziert positive Ansätze der Öffnung in seinem ehemaligen Wirkungsfeld, etwa ein Projekt zum Thema „Gerechtigkeit“ an vier sehr unterschiedlichen Schulen, was die Zusammensetzung der Schülerschaft angeht. Dann die interreligiösen Begegnungen am Vorabend des Reformationstags, also Menschen jüdischen und islamischen Glaubens zu Gast in einem christlichen Gotteshaus. Manzkes Annäherung ans traditionelle „Bürgerschießen“ steht allerdings auf einem anderen Blatt als die seelsorgerische Arbeit bei der Bundespolizei, so wie Blanke sie skizziert. Alles streng freiwillig, das ist Bedingung. Und alles hochpolitisch, da es um Grenzen geht. Und um Begrenzungen. Manzke und Blanke wollen mit dem Buch wegweisend wirken und dabei die religiösen Fundamente des sogenannten Öffentlichen Protestantismus nicht außer Acht lassen.

Bischof i. R, aber einfach nicht zu bändigen. Dr. Karl-Hinrich Manzke
Foto: privat

Eine Allzuständigkeit oder gar Alleinzuständigkeit der Kirche für Gewissen und Moral gebe es in der Bundesrepublik nicht, schreibt Manzke. Einer religiösen Überhöhung gesellschaftlicher Entscheidungsprozesse sei entgegenzuwirken, fordert Blanke. Leitbegriffe wie Religionsfreiheit, Mandatsfreiheit und Meinungsfreiheit werden einbezogen in die Kurskorrekturhinweise für die EKD. Einen Anfang sieht man darin, dass selbst der Rat der EKD im Jahr 2025 erklärt hat, man wolle „eigene Überzeugungen niemals so vortragen, als seien sie die einzig wahren und richtigen“. Vorbei die von den Autoren beklagte Zeit der „Unfehlbarkeit“?
Besonders kritische Aufmerksamkeit findet bei den Autoren die Rolle der EKD bei der gesellschaftlichen Kontroverse um die Impfpflicht zur Zeit der Corona-Pandemie. Dann geht es um die Themenfelder Klima- und Energiepolitik sowie Migration und innere Sicherheit. An Komplexität ist also kein Mangel. Manzke und Blanke wissen, dass nur das Bundesverfassungsgericht über ein Verbot der Partei AfD entscheiden könnte. Manzke schreibt: „Wir wünschen uns eine Evangelische Kirche, die es sich nicht zu leicht macht mit allzu schnellen Positionierungen.“ Vielmehr solle sie aktiv dazu beitragen, „dass in aufgeregten Debatten Sachlichkeit und Ausgewogenheit nicht untergehen“. Und: „Minderheitsmeinungen sollten nicht verächtlich gemacht werden.“ Eine absolute Mehrheit, wie sie von AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt im September 2026 angestrebt wird, haben die beiden Autoren noch nicht auf dem Schirm.

Dekan i. R., aber zunehmend beunruhigt: Dr. Helmut Lange
Foto: privat

Helmut Blanke beklagt, ausgehend von EKD-Papieren aus den Jahren 2009 und 2022, die Prognosen zum Klimawandel würden mit beeindruckender Sicherheit als scheinbar unumstößliche Fakten präsentiert. Im Hinblick auf den Klimaschutz war da noch vom „einzig zielführenden Weg“ die Rede. Das Ziel: „nachhaltige und bezahlbare Energieversorgung der Zukunft“. Der Iran-Krieg lädt das Thema in diesen Tagen noch zusätzlich auf, nun laut jüngsten Umfragen in der Bevölkerung allerdings zugunsten einer verstärkten Förderung nicht-fossiler Energiequellen.
In dem von Julian Reichelt und anderen bekennenden Rechten gestalteten druckfrischen Bestseller „Links-Deutsch Deutsch-Links“ werden die Fronten deutlich, auch sprachlich. Jan Karon schreibt: „Grüne Klimafanatiker und SPD-Antifaschisten dürfen am Niedergang des Landes mitarbeiten, ohne Schutzwälle überwinden zu müssen.“ Die Polarisierung geht also weiter, primär im Internet. Ob die Protestanten Manzke und Blanke nun auch mal zu NIUS ins Studio eingeladen werden? Und ob sie die Einladung annehmen würden? Man kann das vermuten nach der Lektüre, allein schon wegen der offenen Geisteshaltung, des Muts und der These zum „Liebesgebot Jesu“. Ob sie danach der Seelsorge bedürften wie nicht wenige der Menschen bei der Bundespolizei?

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