Das Hakenkreuz auf einem Neuruppiner Bilderbogen? Man staunt. Daneben Kindergarderobe. Dabei ein braunes Jäckchen. Im Internet bietet museum-digital berlin diesen Anblick – sicher in kritischer Absicht. Grund genug, mal zu stöbern. Die Lektüre von Franz Fühmanns Materialien für sein nie geschriebenes Werk “Das Ruppiner Tagebuch” bietet Überraschungen.
Von Volkmar Heuer-Strathmann
Eigentlich sollte und wollte Franz Fühmann im Herbst 1967 in Neuruppin und in der Region eine Auftragsarbeit für den Aufbau Verlag beginnen. Nach zwanzig Jahren DDR wollte man 1969 dargestellt sehen, wie sich Theodor Fontanes Mark Brandenburg entwickelt hat, Schwerpunkt DDR. Fühmann selbst war kein angepasster Autor. Warum er – gemeinsam mit dem umtriebigen West-Berliner Autor Joachim Seyppel, aber mit getrennten Aufträgen – ausgewählt wurde, ist ungeklärt. Der Vertrag mit ordentlichem Vorschuss wirkt solide, die Korrespondenz freundlich, auch in jenen Wochen. Auto beschaffen? Bahnfahrt vermeiden? Läuft. Gewandert wird aber auch.
Fühmann hat das Projekt später abgebrochen. Über die Gründe wurde unter Kollegen spekuliert, auch im Verlag. Im Jahr 2005 erschien ein Band, dessen umfangreicher Anhang fast noch interessanter ist als der Hauptteil. Hier soll es nur um den Bilderbogen gehen. Die Herausgeber Barbara Heinze und Peter Dehmel sehen Fühmann “im Kampf zwischen Dichtung und Doktrin”. Zunächst geht es um Kontakte, um Betrachtung, um Verstehen, noch nicht um literarische Verarbeitung. Genaue Vorgaben gibt es nicht, nur ungeschriebene. “Darf ich nicht schreiben”, notiert der Gast gelegentlich. Besonders vermint ist anscheinend das Gelände rund um die vielen “Freunde” aus der UdSSR in Neuruppin und drumherum. Interesse weckt die LPG-Entwicklung, ebenso die Forstbewirtschaftung nach staatlichen Maßgaben.

Darstellung: Titelausschnitt einer Sammlung der Firma Kühn aus dem Jahr 1925
Riedel ist kooperativ, als man sich trifft, aber sie bereitet selbst eine Publikation vor. Deshalb die Worte, nach seinem Gedächtnis: “Na dann – dann kann ich Ihnen ja direkt meine Bonbons verkaufen – aber wehe, Sie nehmen mir das vorweg!” Das? Was? Im Anhang sind Manuskriptseiten zu finden. Hier soll zum Vergleich ihr Band “Neuruppiner Bilderbogen” aus dem Jahr 2009 herangezogen werden. Was 1969/70 von Riedel erschien, dürfte sehr kritisch, besonders kapitalismuskritisch akzentuiert gewesen sein, folgt man den Notizen und Entwürfen. Es geht natürlich auch um die anderen Produzenten von Bilderbogen in Neuruppin.
Angeprangert wird 1967 insbesondere die Kinderarbeit bei Kühn. Der erfolgreiche Versuch, ein einschneidendes Urteil zu umgehen, zeigt den profitorientierten Kapitalisten. Die Darstellung der Kriege 1870/71 und 1914 bis 1918 wird als “ausgesprochen hetzerisch-militaristisch” bezeichnet. Allerdings hätten sich die Nazis bei ihrer Propaganda kaum der Bilderbogen bedient. Man gab sich gerne moderner, vor allem durch bewegte Bilder.
Fühmann konnte Dokumente studieren, die nicht dem entsprechen, was heute ganz hinten in der Bilderbogen Passage zu lesen ist. Er hat einen Artikel aus der Märkischen Volksstimme vom 1. Juni 1964 vor sich. Lisa Riedel schreibt dort unter der Überschrift: “Kühn 1945 auf Grund seiner aktiven Propaganda für den Faschismus im Rahmen der Wiedergutmachung demontiert”. Donnerwetter! Die Herausgeber indessen verweisen auf das Potsdamer Abkommen. Der Eindruck einer Einzelfallbestrafung soll anscheinend zurückgewiesen werden. Antikapitalistischer Antifaschismus ist ihnen wohl zu flach.
Im Jahr 2009 ist in dem besagten Band, der glänzend bebildert ist, von den Kritikpunkten nur noch die Kinderarbeit geblieben. Man liest von “30 Kindern, die den Namen ‘Malerbatzen’ trugen”. Im Jahr 1967 war es noch ein “Spottname”. Mitleid wurde spürbar. Im Hinblick auf das Engagement gegen die Kinderarbeit werden immerhin die Lehrkräfte positiv erwähnt, ebenso die Sozialdemokraten. Die Justiz wirkt hilflos oder korrumpierbar, die Firma Kühn gewissenlos und gefühlskalt, eben Kapitalisten. Man berauschte sich immer mehr an Maschinen. Die machten Kinderarbeit allerdings bald überflüssig. Über bleibende Schäden wurde nicht buchgeführt.
Nebenbei sei daran erinnert, dass nach Kühn’scher Zählung in diesem Jahr “250 Jahre Neuruppiner Bilderbogen” zu feiern gewesen wären. Es begann 1775 mit ersten Zeichnungen, mit Guckkästen. Richtig und in großer Zahl gedruckt wurde erst ab 1825. Die Druckerpresse machte das möglich. Im Museum Neuruppin wird die Entwicklung dokumentiert.
Ein Ausmalbild für die Jüngsten steht 2009 am Anfang. Zur Ansicht. Es ist kein Kinderbuch. Zwischen den beiden Darstellungen von Riedel liegen Welten. Eben die Wende, die Einheit und der Versuch, auch als Bilderbogenstadt Profil zu gewinnen. Und das ist gelungen. Zu welchem Preis?
Franz Fühmanns literarischer Bilderbogen aus der Mark Brandenburg wäre womöglich ein sehr schwieriger Fall für den Lektor Caspar und für die Zensur geworden. Auf Seyppel, der 1973 nach wechselvollen Jahren in der sogenannten BRD und in den USA in die Deutsche Demokratische Republik übersiedelte, kommen wir noch zurück. Nach Kritik und Aufbegehren nicht nur im Hinblick auf den Fall Biermann wurde er 1982 zurückgegeben. Unbrauchbar. Einfach wieder ausgebürgert. Eine Bilderbogenkarriere sieht anders aus, das gilt für beide Autoren.







