Die schönste Blickrichtung auf der Fontanestraße in Berlins Stadtteil Neukölln.
Fontanestraße, Fontanering, Fontaneweg – nur Goethe dürfte noch häufiger genannt werden in Deutschland auf den Schildern, die Orientierung geben und an die man sich halten kann im Gedächtnis. In Berlin gibt es gleich sechs Straßen, die an den Sohn Neuruppins erinnern. Das hat mit der wechselvollen Geschichte der Stadt zu tun. Ob es schon eine wissenschaftliche Untersuchung gibt über die Wirkmächtigkeit von solchen Bezeichnungen, von Schildern und Stadtplänen?
Von Volkmar Heuer-Strathmann
Die Fontanestraße in Neukölln gehört sicherlich zu den kürzesten Wegstrecken der Millionenstadt. Und zu den kontrastreichsten. Die Hasenheide schaut herüber und lädt ein. Vielversprechend! Ihr gegenüber geben hohe alte Wohnhäuser der Straße Gesicht und Profil. Der Eindruck ist hier völlig unspektakulär. Über den Namensgeber wird nicht auf einem kleinen zusätzlichen Schild informiert. Das handhaben die Kommunen in Deutschland ganz unterschiedlich.

Die Fontanestraße in Neukölln erhielt diesen Namen bereits 1894. Der Dichter, der die meiste Zeit seines Leben in Berlin polizeilich gemeldet war, soll sich geehrt gefühlt haben. Nicht wenige seiner Werke haben Schauplätze in dem Berlin seiner Zeit. Man denke nur an “Irrungen, Wirrungen”, “Stine” oder “Effi Briest”. Bernd W. Seiler hat einen ganzen Bildband daraus gemacht.
Ein Schild “Theodor-Fontane-Straße” gibt es auch in nicht wenigen Orten in Deutschland. Thomas Mann wäre gewiss auch unter den ersten Zehn im Ranking zu nennen. Dann Friedrich Schiller, Heinrich Heine und Gerhart Hauptmann. Eine Männerriege. Hermann Löns konnte nicht schaden, dass sich Adolf Hitler persönlich einmischte in die Frage, wohin die angeblichen Gebeine des Weltkriegstoten aus Frankreich gebracht werden sollten für die Ewigkeit. Soltau in der Lüneburger Heide bekam den Zuschlag. Dass es im Hinblick auf Theodor Fontane erst kürzlich Debatten gab über die Ehrung, ist in Neuruppin sicherlich noch nicht vergessen. Insbesondere ein paar antisemitische Ausfälle des Dichters, zu denen es in privater Post von der Insel Norderney gekommen war, fachten die Diskussion kurzzeitig an. Von Namensänderungen ist allerdings 2025 nicht berichtet worden.

Fotos: VHS
Wohnungsadressen können eine wichtige Erinnerungsstütze sein. Die Alternative der einfachen Nummerierung wäre in Deutschland sicherlich nicht realisierbar. In Biografien kann erzählt werden, was mit einem bestimmten Straßennamen einherging und einhergeht.
Der TV-Wissensstapler Sebastian Klussmann empfahl 2025 bei einem Auftritt in Fehrbellin, sich gern mal von Straßennamen anregen zu lassen, insbesondere von überraschenden. Als Beispiel führte er den Dr.-Kurt-Schumacher-Ring am Ort an. Und? Fontane indessen gehört auf den Stadtplänen oder Internetmaps nicht zu den Überraschungen. Dafür sorgt schon der unsterbliche Schulstoff. Verwirren mag, wenn von einer Möhringstraße die Rede ist. Aber die Straße in Neuruppin ist nicht Fontanes Roman “Mathilde Möhring” gewidmet, sondern dem gleichnamigen Komponisten, der 1816 in Alt Ruppin zur Welt kam. Hört man, dass “in der Fontane” die Neuruppiner Stasi gewesen sei, wird klar, wie sehr Straßennamen mit Politik und Geschichte verflochten sein können.
