Von Hannah H., von Marlene und Greta, von Güner und Hüseyin und von Jana

“Neben der Spur” ist das Motto der Fontane-Festspiele geblieben. Doch es geht zu Pfingsten in Neuruppin um weit mehr als bloß Reiseliteratur. Hier soll nur von den vier ausgewählten Büchern die Rede sein, die Gegenstand von Lesungen sind. Alles Weitere ist dem Programm zu entnehmen. Die Macht des Visuellen – entfaltet in der Welt der Buchstaben, darüber lässt sich trefflich nachdenken anhand der Werke von Angela Steidele, Miku Sophie Kühmel, Güner Yasemin Balci und Jana Hensel.

Von Volkmar Heuer-Strathmann

“Allerlei Bildnisse seiner Frau” schaut Baron von Instetten an, also Photographien von Effi beim Laienspiel. Was er zuvor gelesen hat in den Briefen des Liebhabers, ist anscheinend für den Erregungsgrad des Betrogenen wichtiger als die Bilder. Aber Theodor Fontane erwähnt sie. Die Entwicklung der Fotografie spielt insgesamt keine wesentliche Rolle in seinen Werken. Zu sagen, er schreibe fotografisch, wäre schlichtweg falsch. Aber Anschaulichkeit stellt er oft her.
Die Künstlerin Hannah Höch malt, aber sie gestaltet auch Fotomontagen. In Miku Sophie Kühmels Roman “Hannah” steht sie im Mittelpunkt. Die Handlung ist weitgehend in den Dreißigern des 20. Jahrhunderts angesiedelt, die Fäden führen durch Europa und werden zum modernen Beziehungsgeflecht. Mit Kenntnissen in DADAISMUS liest sich das Werk leichter. Schauen wir mal mit der Autorin durch eine Dachluke auf Paris: “Der Teppich aus Dächern, die Lichter, der Qualm aus den Häusern, an dem man sieht, dass etwas lebt.” Und nun zur Künstlerin: “Hannah schneidet aus, und dann klebt sie die Dinge neu zusammen. Und so entstehen Bilder.” Eine Laudatio hört sich anders an. Ein Mann fragt irgendwo in Paris: “Was haben Klebebilder denn mit Kunst zu tun?” Sieben Jahre später werden solche Fragen in NS-Deutschland kategorisch und folgenreich beantwortet.
“In Dunkel” führt ins Licht der Kinowelt. “Wir sitzen im Dunkeln”, lautet der erste Satz. Absatz. Aus Filmszenen werden Romanabschnitte. Unter den Heldinnen sind Greta Garbo, Marlene Dietrich und Erika Mann. “Kontinuitätsmontage” bietet das Buch nur als Stichwort, nicht als Methode: “Wenn man gar nicht bemerkt, dass man einen Film sieht, sondern sich ganz in der Handlung verliert, als ob man selbst dabei wäre.” Popcornknusper kann diese Regression knacken. Der Roman wird lektürehalber geblättert oder gescrollt. Für die Brecht entliehenen Theaterworte “Glotz nicht so romantisch” ist nur schwer eine Lesevariation zu finden. Ein Stück Gegenwartsdebatte klingt an, wenn es aus berufenem Munde heißt, Greta Garbo und Marlene Dietrich hätten “mit ihrer Ausstrahlung und ihren Hosen mehr für die Frauenemanziption getan als alle klugen Bücher zusammen”: Die Diskussion kann beginnen.

Kamerablick
Fotos: VHS

“Heimatland” hat Güner Yasemin Balci ihre biografischen Betrachtungen genannt. “Hermannplatz. Hasenheide”, sind deutliche Markierungen gleich zu Beginn. Am Ende ist die 1975 in Berlin-Neukölln geborene Kurdin Integrationsbeauftragte geworden. Als “Fernsehfrau” könnte man sie bezeichnen. “Filmemacherin” sagt der Klappentext. Gewalt gegen Frauen ist nicht nur im Hinblick auf die “Kölner Silvesternacht 2015” ein Schwerpunkt. Im Hinblick auf den Islam gibt sie gerne etwas Nachhilfe. Imame “religiöse Obergurus” zu nennen, ist nicht üblich. Ihre Macht wird beargwöhnt. “Heimatland” hätte auch ein Familienroman werden können – aus tiefer Verbundenheit mit den eigenen Verwandten oder in kritischer Absicht gegenüber “berüchtigten Großfamilien”. Ganz offen spricht die Autorin den “Anpassungsdruck des Milieus” an. Sie habe ihn an sich selbst erlebt und sei (auch von sich) überrascht gewesen. Manche Schilderung weckt sofort Vorstellungen: “Ich hatte gerade mein neues schulterfreies Sommerkleid angezogen und wollte in meinen alten Opel steigen, um mich mit Freunden zu treffen. Ein Auto mit vier Typen darin parkte am Ende unserer Straße.” Einer von ihnen wird kurz darauf weinen. Wer würde da nicht mehr wissen wollen? Also mitempfinden und nachdenken. Um “Schnulzenfilme” geht es später auch noch. Und um Onkel Hüseyin, der sich wünscht, dass der Name “Elvis” auf seinem Grabstein stehen möge.
“Das ist ein Buch, das ich nie schreiben wollte”, schreibt Jana Hensel. Das ist ein Satz, der seinen Grund in Traumata haben kann oder in Einfallslosigkeit. Denn er ist nicht neu. “Es war einmal ein Land” ist ein Buch, das aus Verzweiflung entstanden ist. 1989 war Jana 13. Was lief, was kam, was blieb, wissen viele dank der “Zonenkinder”. Man las im Jahre 2002: “Die Deutsche Demokratische Republik war einfach noch nicht verschwunden.” Nun liest man: die Wahlergebnisse im Osten, sprich, die Erfolge der AfD, schürten die Vermutung, der Osten sei einen anderen Weg gegangen als sie selbst.
Das Buch ist der Versuch, sich Klarheit über die jüngste Entwicklung zu verschaffen. Und Sorgen um die Demokratie zum Ausdruck zu bringen. Alexander Teske öffnet Hensel die Tür zur Redaktion der Tagesschau. Ob Jana Hensel irgendwen erreicht, der in ihrer Gesamtbetrachtung zu den Verlorenen gehören würde? Menschen mit DDR-Hintergrund, die Ulrich Siegmund im Internet folgen oder Götz Frömming, dem hiesigen MdB der AfD? Zunehmende Verharmlosung der AfD beklagt sie und vereinzelt Kooperationsbereitschaft, etwa bei der CDU. Bildhaft wird sie am Ende: “Die Anti-Demokraten der AfD schüren die Wut und fangen sie dann ein wie einen Wind, der ihre Segel füllen soll.” Im Windschatten lässt sich nicht viel machen, das wissen Segler. Ob man bei den Fontane-Festspielen gleich zum Auftakt einen tollen Abend mit Stürmen der Demokratiebegeisterung wird erleben dürfen?

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