Epstein, Fontane, Goethe oder: “Faust” als Drehbuch der Niedertracht?

Drei Männer, drei Namen – die Aufreihung könnte verstören. Drei Stücke, drei Titel – die Aufreihung kann nur verwirren: “Nathan”, “Iphigenie”, “Faust”. Zur ethischen und ästhetischen Erziehung des modernen Menschen sollten sie dienen. Hat Fontane gelesen.Da hat er schwere Bedenken.

Von Volkmar Heuer-Strathmann

Die Wirkungslosigkeit einer Nachmittagspredigt müsse befürchtet werden, schreibt der Theaterkritiker 1874 bald nach einem Besuch des Griechendramas von Goethe mit versöhnlichem Ausgang. “Nathan” scheint ihm wohl eher ein Märchen. Und “Faust”?
Auf Goethes Monumentalwerk geht Fontane hier nicht näher ein. Er nennt es nur in dieser Reihe. Und in die passt es einfach nicht, schon als Tragödie. Johann Heinrich Faust, der gealterte Gelehrte, inzwischen aufgejüngt und besser durchblutet, hat sich ziemlich verliebt in diese Margarete. Mit Mephisto verbindet ihn eine Wette. Würde der Zweifler und Grübler Faust nur einen einzigen Moment glücklich sein und die Zeit quasi anhalten wollen, dürfte der Teuflische über sein Leben verfügen. Das ist der Preis. Nun soll das allerdings nicht zu schnell gehen. Eben noch nützlich, wird Margarete hinderlich. Als Mensch ist sie Mephisto egal. Ein junges Ding, mehr nicht. Später schwanger? Kein Thema. Weglocken will er den Liebhaber, in den Harz, zur Walpurgisnacht. Da sei vom 30. April auf den 1. Mai mit Orgien zu rechnen, mit Lustbarkeiten und Hexenbekanntschaften der unterschiedlichsten Art. Hexenmeister heizen ein. In der Tragödie zweitem Teil wird noch mehr geboten, Mythen und sagenumwobenes Strandleben, gefasst als Klassische Walpurgisnacht. Dem Dichter selbst war der Stoff nicht mehr ganz geheuer.

Eine Kritik Fontanes aus dem Jahre 1879 bezieht sich primär auf die Darstellerin der Margarete. Sie rücke die Schöne, Keusche, tief Beseelte zu sehr in die Nähe einer Modonna, also mit Heiligenschein. Das Einfache, Schlichte, Naive scheint verloren zu gehen. Vom Kritiker kein Wort über die Walpurgisnacht, über die Herrenpartie, die Partyszenen. Der Stoff mag wie so oft gekürzt worden sein im Königlichen Schauspielhaus, dem Schinkelbau.
Spätestens durch die Verbrechen, die mit dem Namen Jeffrey Epstein verbunden werden, könnte man sich veranlasst fühlen, den ganzen Walpurgisnachtstoff in ein grelles Licht zu rücken – mit Musik. Neulich die Insel des Grauens, damals die Orgien auf dem Brocken oder am griechischen Strand? Eine Einladung zu Lustbarkeiten zu Lasten der Frauen?
Es wurde von Goethe selbst gestrichen und ergänzt, verworfen und verbandelt. Für aufführbar hielt der Dichter die beiden Teile als Handlungseinheit ohnehin nicht. Lesestoff. Anders der Regisseur Peter Stein. Mit einem hochkarätig besetzten Ensemble gab es den “Faust” an zwei Tagen zur Expo 2000 in Hannover. An eine sanftmütige Nachmittagspredigt im Sinne der Befürchtungen Fontanes hat sicherlich niemand gedacht, der die wirkmächtige Inszenierung erleben durfte. In Fotobänden wurde viel festgehalten.

Walpurgisnacht – hier eine Aufnahme von der Insenierung zur Expo 2000 in Hannover.
abfotografiert aus Faust in Bildern, Ruth Walz, 2001

In ihren Erinnerungen an die Proben und die Ideen Steins schreibt Roswitha Schieb, klanglich habe der Eindruck entstehen sollen, es handle sich im Falle der Hexen um widerliche alte Weiber. Später sollten von Hexen und Hexenmeistern obszöne Aktivitäten dargeboten werden. “Die Darsteller onanieren, koitieren, reiben sich an Blechtonnen und gebären Monster”, heißt es in einer bilderreichen Dokumentation. Peter Stein habe davor gewarnt, ins Karikaturhafte abzugleiten. Gretchen tritt auf, als Vision, als Wahngestalt. Erst Saxophonklänge, so Schieb, hätten in Faust einen Stimmungswechsel erzeugt, wie das Erwachen aus einem Albtraum. Er wird Gretchen erst viel später in einem Kerker wiedersehen. Als Besucher. Sie erwartet die Hinrichtung. Des Kindsmordes angeklagt und verurteilt. Faust macht sich aus dem Staub, nicht ohne zu versuchen, sie zur Flucht zu bewegen. Das nervt den Teuflischen, er hat noch so viel vor mit dem Wettpartner. Gretchen indessen bleibt lieber im Kerker, denn sie kennt Faust und Mephisto nun. Was sie stärkt, ist der christliche Glaube.

Kammerliebe, Kerkerqualen, Fallbeiltod – Margaretes tragischer Leidensweg ohne freie Entscheidung in Liebesdingen und Lebensfragen.
abfotografiert aus Faust in Bildern, Ruth Walz, 2001

Und Jeffrey Epstein? Und seine meistenteils steinreichen Gäste? Und die ungezählten Opfer? Die Mädchen, die Frauen? In Kenntnis dessen, was bislang offenbar wurde, liest sich auch ein Drama wie “Faust” anders, stofflich, szenisch. Nach der Zensur ist nicht zu rufen. Nach adäquater kritischer Inszenierung. Hexendasein ist kein Hobby. Zur Hexe wird man gemacht. Meist von Männern. Was Albrecht Schöne aus Goethes vielen Versen und Notizen mutig geformt hat, könnte in Szene gesetzt werden mit einem Helden wie Epstein. Also Mephisto mal anders? Der Orgienexperte unter Millionären und Milliardären? Unter Ökonomen und Politikern? Und einfach schön anzusehen, als wär’s nur ein Film aus Hollywoods Vorräten.
Was Theodor Fontane angeht, könnte über den Roman “Stine” auch neu diskutiert werden, Stichwort Kuppelei. Ein schwieriger Fall, diese dreiste Schwester und ihre Einfädelei mit traurigem Ausgang. Joachim Biener hält Fontane in einem in der DDR erschienenen Bändchen vor, er habe (nicht nur) die weiblichen Figuren nicht in ihrer ökonomisch-historischen Prägung gesehen, sondern primär psychologisch-schicksalhaft. Das aber gekonnt.
So fegen die Stürme der Gegenwart durch die Bücher und über die Bühnen. Dagegen hilft nur Verschlossenheit, Unberührbarkeit oder Verdrängung. Wenigstens eine “Faust”-Debatte scheint fällig.

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