Sandra Hüllers Stimme ist zu hören. Ein großes weißes zerknittertes Tuch ist zu sehen. Was sich darunter verbirgt, was sich bewegt, ist zunächst nur zu ahnen. Zärtlichkeit? Die Zahlen sind krass. “An jedem dritten Tag bringt ein Partner seine Expartnerin um”, wird eine erfahrene Juristin gegen Ende sagen. Das Desinteresse in Neuruppin ist groß. Kaum mehr als zwanzig Gäste haben sich im Hangar 312 eingefunden, um “Fassaden” zu sehen – eine außergewöhnliche Produktion von Alina Cyranek. Die Künstlerin ist anwesend.
Von Volkmar Heuer-Strathmann
In der Ankündigung heißt es auch, “Fassaden” erzähle von “einem politischen und gesellschaftlichen System, das lieber wegschaut”. Fast neunzig Minuten währt der Film, der berührt und irritiert. Eine Dokumentation wird nicht gegeben. Keine schockierenden Fotos mit gebrochenen Knochen. Das dürfte nicht allein bildrechtliche Gründe haben. Authentische Aufnahmen werden recht spät eingefügt: Aktenansichten. Blässuren. Beweismaterial.
Eine gutbürgerliche Siedlung gibt das Filmteam von oben. Ein Einfamilienhaus von vorne. Moderne Appartements sind vom Wasser aus zu sehen. Um “häusliche Gewalt gegen Frauen” geht es. Die Schilderungen von Fachfrauen nehmen viel Raum und Zeit ein – sprachlich konkret, auch fachsprachlich nicht zu abstrakt, aber der Welt optisch enthoben, kameranah, von der Sozialarbeiterin über die Psychotherapeutin bis zur Juristin. Keine der Frauen erzählt, selbst Ähnliches oder Schlimmeres daheim mit einem Mann erlebt zu haben. Ein Polizist spricht. Die Arbeit fasst auch ihn an.
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Musik erfüllt den Hangar nicht nur bei den eindrucksvollen Tänzen. Nach welchen Kriterien mögen die Profis ausgewählt worden sein? Womöglich war davon die Rede im Gespräch mit der Filmkünstlerin. Wer Erklärungen wollte, konnte noch ein Weilchen bleiben. Wer sich einen Eindruck verschaffen möchte von dem, was der sozialkritische Film bietet und was nicht, findet im Netz einen Trailer. Anders als bei den meisten Kinospielfilmen ist die Reklame ein Abbild, also keine Effekthascherei. Voll verliebt geht es los. Mit einer “Kopfnuss” geht’s weiter. Auf dem Küchentisch muss was gefehlt haben. Sieben Jahre währt die Beziehung. Andere Fallschilderungen bringen Alkohol auf den Tisch. Von Sex ist auch manchmal die Rede. Dann von kulturellen Einflüssen und multikulturellen Herausforderungen. Von Kindern wird gesprochen. Also über Kinder. Dann von Schuldgefühlen. Von Selbstbezichtigungen der geschlagenen oder drangsalierten Frauen. Von Hemmungen, den eigenen Partner oder den Ex bei der Polizei anzuzeigen. Um den Tod geht es auch kurz, meist aber um toxische Beziehungen niederschwelligerer oder unterschwelliger Gewalt. Täter kommen nicht zu Wort.

Fotos: VHS
Gerade wenn man die Konzeption des Films eher fragwürdig findet mit so wahnsinnig viel unbestreitbarer Expertise, kann man den Film empfehlen. Er zeigt, wie das zu Recht beklagte Wegschauen in engen Grenzen und redlich überwunden wird, getragen von Kunststücken der besonderen Art – stimmlich, bildlich, instrumentell und tänzerisch. Juristisch bewegt sich wohl auch was. Das sind dann schon die Nachrichten.

