Erinnerung an eine andere Zeit, für die Masse ohne des Autos Beweglichkeit. abfotografiert aus Johannes Schultze, Geschichte der Stadt Neuruppin
Das Auto beherrscht unser Leben. Es bringt Autoren wie Andreas Knie oder Stephan Rammler so richtig in Fahrt. Das Fahrrad ist schon rhetorisch im Nachteil. Schlimmer als ein “Radfahrer”, der nach oben buckelt und nach unten tritt, sind nur gewissenlose “Mitläufer” oder kopflose “Kriecher”. Umso schöner, dass zum Politischen Salon im Alten Gymnasium so viele Interessierte kamen. Man widmete sich dem Thema “Fahrradstadt Neuruppin”. An Fußläufigen kam man auch nicht vorbei.
Von Volkmar Heuer-Strathmann
Automobililtät ließ einst nicht an Stillstand, Wutstau und Suchtdruck denken. Ein Foto aus dem Buch über die Geschichte der Stadt Neuruppin von Johannes Schultze, einst wohnhaft in Wulkow, später ferienhalber oft in Wuthenow, lässt träumen und fabulieren. Fußgänger, Fahrradfahrer und eine Pferdekutsche treffen am Bahnübergang Rheinsberger Tor auf einzelne Automobile. Ein vergleichbares Verkehrsfoto könnte man heutzutage dort mitten auf der Karl-Marx-Straße Richtung Straße des Friedens zu Stoßzeiten angesichts der Panzergeräusche und der Straßenkriegsbedingungen nur unter Gefahr für Leib und Leben schießen. Kein Wunder, dass die Karl-Marx-Straße, kurz KMS, im Verlauf des Abends immer mehr in den Mittelpunkt rückte. Sie ist Neuruppins Achse. Nur Karl selbst hat sich in die Büsche geschlagen.

Foto: VHS
Doch brav der Reihe nach, wie im Verkehr: Otto Wynen und Christiane Schulze begrüßten zum “Fahrradstadt”-Abend erstaunlich viele Gäste. Baudezernent Jan Juraschek referierte, was man seitens der Stadt bislang im Hinblick auf die Bedingungen des Fahrradfahrens getan habe. Bilder waren Beleg, auch Luftaufnahmen. Untersuchungen ergeben ein klares Bild von dieser Stadt der kurzen Wege ohne erwähnenswerte Steigungen oder echtes Gefälle. Über 2000 Nutzungen durch Radelnde gibt’s demnach gegenwärtig auf der KMS. Die Zahl überrascht selbst Menschen, die fast täglich auf der KMS zu tun haben.
Überholen wir Professor Andreas Knie aus Berlin, den Experten des Abends, mal kurz und greifen vor: Stimmen aus dem Publikum ließen nämlich deutlich werden, dass es neben dem Schlüsselproblem “Auto oder Fahrrad” und der selbstverschuldeten Parkraumnot noch das Konfliktfeld Bürgersteig gibt, wo Fußläufige und Radfahrende aufeinanderprallen. Oder eben nicht. Eine Frage der Umgangsformen, wie aus dem Auditorium angemerkt wird. Für Kleinkinder sind Bürgersteige wie auf der KMS oft hochgefährlich. Für Menschen mit Rollatoren sicher nicht selten ein Grauen. Dann Kreuzungen wie die von Präsidentenstraße und Karl-Marx-Straße, wo ortsunkundige Gäste womöglich gerne mal innehalten würden, um in der Straßenverkehrsordnung nachzuschauen, wie das ist mit der Vorfahrt bei Beruhigung des Verkehrsstroms auf der Achse. Und so weiter…

Foto: VHS
Zum Glück hatte man Andreas Knie eingeladen. Dessen Vortrag brachte Heiterkeit und Klarheit in den Wahnsinn der Autogesellschaft. In seinem Buch “Wo kommen bloß die vielen Autos her und wie werden wir sie wieder los?” kann man auch kürzere Sätze lesen. Im Alten Gymnasium glänzte er rhetorisch. Ein Suchtexperte sprach. Ob das Wort von Suchen oder von Siechen kommt, kann Parkplatzsuchenden egal sein. Vor allem, wenn sie zu groß eingekauft haben. Also das Auto. An das Thema “Trabantentrauma und Größenwahn im SUV” traute er sich leider nicht. Das kann dann vielleicht Stephan Rammler erledigen, falls man den Autor von “Volk ohne Wagen” für einen weiteren erstklassigen Salonabend gewinnen kann. Dann vielleicht im Kulturhaus, also näher am nächsten Entwicklungsschwerpunkt der Stadt bis hin zu den wie geschändet dastehenden Kasernen.
Jan Juraschek, der zum Glück über eine bleifreie Humorreserve verfügt, bekam außer der in der Tat gebotenen Anerkennung für Geleistetes oder Angeschobenes auch Denkzettel mit auf den Weg ins Rathaus. Etwa zum Thema Seitenstreifen für Fahrräder wie auf der Heinrich-Rau-Straße (inklusive Gegenrede aus dem Volk) oder in Sachen Poller und Unpassierbarkeit. Nicht unwichtig, so Juraschek, sei die Frage der Zuständigkeit. Stadt, Land, Landkreis oder Bund, das ist die Frage.

Foto: VHS
Eben noch im Geiste auf der unseligen Asphaltspur auf der KMS unterwegs, ist man nun schon auf dem Seedamm. Seit hundert Jahren fahren dort Autos. Zurzeit dominieren Radfahrer, Lastenräder, rasende ScooterUser, krächzende Kultmopeds, schwitzende Jogger und gottgefällige Fußgänger das Bild. Es wird wie toll gebaut am Westend. Genug davon. Alles Weitere wäre Zukunftsmusik zum Thema Lebensqualität im liebenswerten Neuruppin.
Der anregende Abend wäre sicherlich anders verlaufen, wenn die in Berlin geklebte AfD-Parole gegen die “Abschiebung” von Autos Ausgangspunkt gewesen wäre. Oder diese “Straße von Hormus”. Das brutalst umkämpfte Naturarreal “Straße” zu nennen, zeigt schon, wer das Sagen hat. Schon erklingt “Highway to Hell” im Kopf.
