Gelächter, Jubel und tosender Applaus für einen Abend mit “Extrawurst”

Eine Mitgliederversammlung des Tennisclubs TC Lengenheide – was könnte daran komisch sein? Oder dramatisch? Oder hochpolitisch? Alles. Der Stoff ist geschickt gewählt, die fünf Akteure sind in Hochform und das Publikum in der ausverkauften Temnitzkirche lässt sich mitreißen. Was will man mehr? Ganz einfach: Mehr Aufführungsabende!

Von Volkmar Heuer-Strathmann

Ein Zettel vom Vorstand liegt auf den Stühlen. Man weiß, was gespielt wird: die fällige “Mitgliederversammlung”. Alle dürfen so gucken, als wären sie deshalb gekommen. Nur abstimmen dürfen die vielen Gäste nicht. Solche Mätzchen, wie Ferdinand von Schirach mal meinte, mit “Terror” ausprobieren zu müssen, sind nicht vorgesehen. Auch Grußworte von womöglich anwesenden AfD-Verwandten sind nicht Teil des Gegenwartsdramas. Wie auch? Man wusste ja nicht, dass trotz solch drängender Themen wie Vereinshausneubau und Mitgliederwerbekampagne alles auf die “Türkenfrage” hinauslaufen würde, Stichwort Extragrill für Extrawürste. Wegen Erol, wegen dieses Moslems, wegen des Schweinefleischtabus. Dabei hatte der Sympathikus gar keine Extrawünsche geäußert.

“Mal ganz ehrlich, Türke” – so von Mann zu Mann, fernab von Netz und Frau.

Die Art, wie Daniel Pietzuch als 2. Vorsitzender Matthias Scholz von der ersten Sekunde an nach oben strebt, aber gegen den selbstherrlichen Präsidenten, den Gerd Silberbauer mit größter Selbstironie gibt, das wäre allein genommen schon ein schönes Stück Sketchparade. Aber das Stück von Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob greift tief und gegenwartsgegenwärtig in die Kiste der Vorurteile und Abfälligkeiten, der Machenschaften und Misshelligkeiten, der Diffamierungen, Projektionen und der Entschuldigungen. Wie bei den nationalistisch aufgeladenen Narren von PEGIDA geht es vorgeblich ums christliche Abendland. Nur gut, dass Marketingberater Torsten Pfaff, von Hans Machowiak auf ganz unterschiedlichen Erregungsstufen gegeben, als Atheist einen weiten Blick hat, über Netzeband und über Gott hinaus sozusagen. Als Partner von Melanie Pfaff, einer Übersetzerin von höchster Authentizität und Spontaneität, gibt er sich großzügig. Sie darf mit Erol Oturan, diesem türkischen Anwalt, das gemischte Doppel geben. Solange es läuft auf dem Platz und dem sportlichen Ruf dieses elitären Kleinstadttennisvereins guttut. Susanne Theil und Frank Matthus scheint es viel Freude zu machen, in diese Rollen zu schlüpfen, ohne dass es je schlüpfrig würde.

Eskalation oder Entschuldigungsmarathon? Der Pfaff fängt schon .mal an..
Fotos: VHS

Zur Tagesordnung: Ein neuer Grill muss her. Das ist der Ausgangspunkt. Was Modernes. Auf der Projektionsfläche ist die ganze Hässlichkeit des Prachtstücks zu erkennen. Goethes Gretchenfrage reduziert sich auf: “Wie hast du’s mit dem Schweinefleisch?” Ohne dass Erol, an dessen Integrationsniveau und Integrität Frank Matthus nicht eine Hundertstelsekunde Zweifel aufkommen lässt, selbst vorstellig geworden wäre, geht’s plötzlich um den Zweitgrill für den Moslem oder andere Alternativen. Der Präsident geht. Und kommt zurück. Jetzt als einfaches Mitglied, aber eher noch großartiger, rein mimisch und rhetorisch. Die Konflikte im Verein eskalieren mit abnehmender Selbstbeherrschung. Sprüche diskriminierender Art werden gemacht, die wir hier gerne ausklammern. Religionsvergleiche am Grill werden angestellt. Den Zweitgrill “nach Mekka ausrichten”, heißt eins der Zugeständnisse. Es kracht im Saal vor Lachen und Schenkelklopfen. Die Mitgliederversammlung nimmt ihren Lauf, es gibt schöne Überraschungen im Hinblick aufs Erols deutsche Frau und ihre himmlische Lust auf Verschleierung nach der Hinwendung zu Allah. Leider ist sie nicht mit dabei. Vermutlich hat sie etwas mehr Ahnung von den abrahamitischen Religionen als diese geistige Grillzange mit dem Allerweltsnamen Scholz und der Stimmungsatheist aus der Werbebranche. Aber reden, das kann er, besonders wenn er sich sorgt um die Demokratie und so Sachen. Wenn Melanie nur nicht so anstrengend wäre…
“Extrawurst” läuft auch in den Kinos. Paar bekannte Namen sind auf der Besetzungsliste zu lesen. Wer Bedenken hatte, ob man in Netzeband unter der Regie von Frank Matthus nicht doch im Schatten der Leinwandwelt bleiben würde, durfte erleben, wie die Akteure mit jedem Aufschlag an Ausdruckskraft gewannen und die Gedanken an Kollegen wie Hape, Christoph Maria und Fahri aus der Temnitzkirche verbannten. Schön auch, dass Erol nicht mit dem Messer daherkam, sondern mit dem Tennisschläger. Ein Schlägertyp bleibt er natürlich für immer, der kluge Türke mit dem deutschen Pass.

Auch interessant

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert