Wo geht die Reise hin, was ist mein Anteil?
Zwischen Martin Heidegger, Jean-Paul Sartre und Albert Camus spannt sich ein existenzieller Bogen: Was bedeutet es zu leben – im Angesicht von Tod und Klimakrise? Der Text verbindet Metaphysik mit Gegenwart und zeigt, warum Sinn nicht im Ergebnis liegt, sondern im Handeln selbst.
Von Wilfried Silbernagel (Verein Klima und Alltag e.V.)
Metaphysik ist nicht die Physik des Konzerns Meta, sondern die Frage nach dem Sein: Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts? Martin Heidegger schreibt: „Die Metaphysik des Daseins ist nicht nur Metaphysik über das Dasein, sie ist die Metaphysik, die sich als Dasein hervorbringt.” Diesen Satz habe ich bei Jean-Paul Sartre gelesen, der sich mitten im Zweiten Weltkrieg bewundernd über Heidegger gegenüber Simone de Beauvoir äußert.
Ich habe mich zunächst gefragt, wie man sich als Franzose bewundernd über einen Deutschen äußern kann, der in seiner Rektoratsrede 1933 schreibt: „Nicht Lehrsätze und Ideen seien die Regel Eures Seins. Der Führer selbst und er allein ist die heutige und künftige deutsche Wirklichkeit und ihr Gesetz.” Ich habe mich 20 Jahre lang geweigert, Heidegger angesichts solcher Charakterlosigkeit zu lesen. Und doch bleibt irritierend, wie stark seine Analyse der Existenz ist und wie Sartre, der Widerstandskämpfer, ihn bewunderte.

Denn Sartre erkannte in Heidegger etwas, das er für seine eigene Philosophie brauchte: die Einsicht, dass der Mensch kein fertiges Wesen ist, das dann auch noch denkt, sondern dass er sich im Vollzug erst hervorbringt. „Existenz geht der Essenz voraus” dieser Kernsatz Sartres ist ohne Heidegger nicht denkbar. Der Mensch ist nicht zuerst etwas und handelt dann, sondern er wird durch sein Handeln zu dem, was er ist.
Was bedeutet das nun für die Metaphysik? Sie ist kein Produkt, keine Theorie, die der Mensch von außen entwickelt, sondern eine Grundbewegung des Daseins selbst. Sie ereignet sich im Staunen, im Zweifel, in der Angst vor dem Nichts, vor dem Sterben, wenn ich mich frage: Was soll das Ganze eigentlich? Die klassische Metaphysik macht den Menschen zum Objekt der Betrachtung. Für Heidegger dagegen geschieht Metaphysik durch den Menschen selbst, wenn er sich die Frage nach dem Sinn stellt. Er ist nicht Zuschauer, sondern Vollzugsort des Fragens.

Als alter Mann, nach einem ersten Herzinfarkt, stelle ich mir diese Frage ganz konkret: Gibt es ein Leben nach dem Tod? Gibt es so etwas wie eine Seele, die weiterexistiert? Nach Heidegger ist das aber nicht zuerst eine Sachfrage über ein Objekt namens „Seele”, sondern eine Existenzbewegung des Daseins selbst. Statt zu fragen: Gibt es eine Seele?, sollte ich fragen: Warum stelle ich diese Frage überhaupt? Habe ich Angst vor dem drohenden Nichts? Klammere ich mich an die Möglichkeit einer Fortexistenz? Oder ist es etwas anderes, ein Staunen darüber, dass überhaupt etwas war? Hilfreicher wäre es vielleicht, diese Offenheit auszuhalten. Die wichtigste philosophische Frage ist nicht: „Gibt es ein Leben nach dem Tod?”, sondern: „Wie lebe ich im Wissen, dass ich sterben werde?”
Die Naturwissenschaft beantwortet diese Frage auf ihre Weise. Sie findet keinen Hinweis darauf, dass ein Ich oder ein Bewusstsein unabhängig vom Gehirn existiert oder den Tod überdauert. Nahtoterfahrungen, außerkörperliche Erfahrungen und mystische Zustände lassen sich als Gehirnprozesse beschreiben, etwa durch Sauerstoffmangel oder die Aktivierung bestimmter Hirnregionen. Sie wirken real, sind aber intern erzeugt. Das nimmt uns jeden einfachen Trost. Was die Naturwissenschaft allerdings nicht beantworten kann, ist, warum es überhaupt subjektives Erleben gibt, warum sich Existenz so anfühlt, wie sie sich anfühlt. Ein Rest von Rätselhaftigkeit bleibt.
Diese Frage: „Was soll das eigentlich alles?“ stellt sich nicht nur im Angesicht des eigenen Todes. Sie stellt sich auch angesichts der Klimakrise. Beides sind existenzielle Grenzsituationen: In beiden Fällen bricht die Illusion zusammen, dass das Leben einfach weitergeht. In beiden Fällen stehe ich vor einer Wirklichkeit, die sich meiner Kontrolle entzieht.
Hier tritt neben Heidegger eine zweite Figur: Albert Camus und sein Sisyphos. Camus beschreibt den Menschen als jemanden, der in einer absurden Welt lebt, einer Welt, die auf seine Sinnfragen keine Antwort gibt. Der Stein rollt immer wieder herunter. Und dennoch muss man sich Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen. Nicht weil der Kampf sinnlos wäre, sondern weil die Haltung zum Kampf entscheidet, wer man ist.
Zwischen Heidegger und Camus besteht eine produktive Spannung: Heidegger fragt, wie der Mensch im Angesicht seiner Endlichkeit zu sich selbst findet. Camus fragt, wie man handelt, wenn die Welt keine Garantien gibt. Für die Klimafrage braucht man beide. Heidegger erinnert daran, dass mein Engagement nicht zuerst eine Strategie ist, sondern ein Selbstverhältnis: Ich verhalte mich zu mir selbst, wenn ich handle. Camus erinnert daran, dass die Abwesenheit von Erfolgsgarantien kein Argument gegen das Handeln ist.

Fotos: macron
Man könnte nun sagen: Wenn die Klimakatastrophe sich kaum noch aufhalten lässt, warum engagiere ich mich dann überhaupt? Ist das nicht Selbstberuhigung? Sartres Antwort wäre: Es geht nicht um Erfolg, sondern um Verantwortung. Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt und er kann sich nicht heraushalten. Auch Gleichgültigkeit ist eine Wahl, auch Schweigen ist eine Haltung. Wer nicht handelt, hat sich ebenfalls entschieden, gegen sich selbst.
Die Einsicht in eine mögliche Katastrophe zerstört den naiven Glauben an Fortschritt und unbegrenztes Wachstum. Aber sie eröffnet zugleich etwas: Gerade weil die Zukunft nicht gesichert ist, wird Handeln existenziell ernst. Wir engagieren uns nicht, weil der Erfolg garantiert ist, sondern weil wir uns zu uns selbst verhalten. Ich lebe hier und jetzt, und mein Handeln gibt meinem Leben Sinn unabhängig vom Ausgang.
Vielleicht verändert unser Handeln die Welt nicht. Aber es verändert Beziehungen, Aufmerksamkeit, das eigene Leben. Und manchmal, das lehrt die Geschichte, verändert es doch mehr, als man dachte. Handeln aus Mitgefühl, ohne an ein bestimmtes Ergebnis gebunden zu sein. Handeln aus ethischer Verpflichtung gegenüber der Natur und gegenüber denen, die nach uns kommen.Trotz möglicher Aussichtslosigkeit entsteht Sinn gerade im Handeln unter unsicheren Bedingungen.
Ich engagiere mich für das Klima und die Umwelt, weil ich dadurch der Mensch bin, der ich sein will.

Komisch. Es ist 5 Uhr morgens und irgendwie lässt mir dein Text keine Ruhe. Die
Frage, die ich mir und dir stelle, ist, wie der Text aussähe, wenn du keine
Künstliche Intelligenzzur Hilfe nähmst. Jedenfalls nehme ich an, dass Du KI zur
Hilfe genommen hast. Ob er nicht vielleicht viel authentischer wäre? Schon der
Titel könnte dann ein ganz anderer sein. Worum geht es in deinem Text, was ist
die Kernaussage? Die lautet ja ganz schlicht, dass Du dein politisches Handeln
gegen den Klimawandel äußerst skeptisch siehst, weil es letztlich keinerlei
praktische Folgen zeitigt. Du könntest dieses Handeln bei rationaler Betrachtung
als sinnlos oder zwecklos bezeichnen. Du könntest folgerichtig die Hände in den
Schoß legen und den Dingen ihren Lauf lassen. Tust du aber nicht, kannst du
nicht. Irgendwas treibt dich an, etwas unternehmen zu wollen. Das hat – und
jetzt kommt der für mich etwas verwunderliche Fehlschluss – aus meiner Sicht mit
den „ins Feld geführten“ Philosophen vermutlich wenig zu tun. Es ist wie ein
Ausweichen in die Welt der großen Namen.Zugegeben, die Überlegungen sind
interessant, aber wozu sollen sie nützlich sein? Du brauchst keinen Heidegger,
keinen Sartre, keinen Camus, um weiterzumachen. Das ist intellektuelle Spielerei
– behaupte ich. Aber was ist es dann, was dich weitermachen lässt? Eine ehrliche
Antwort auf diese Frage zu suchen, ist das spannende Unternehmen, dass Du
begonnen hast. Vielleicht liegen in einer genaueren Erforschung deiner
Beweggründe, Erkenntnisse die weiterbringen. Auf jeden Fall weiter als “ unsere
Existenz-Philosophen“. Denn unter Umständen muss man sich dann mit dem eigen
irrationalen Anteil seines alltäglichen Handelns und Denkens auseinandersetzen.
Das wäre insofern spannend, als das ja vermutlich die Schnittmenge mit all jenen
Menschen ist, die die katastrophalen Folgen der derzeitigen Klimapolitik
offenkundig nicht zu stören scheinen. Es geht also um den unsMenscheneigenen
Irrationalismus. Das wäre das zentrale Thema, bei dem – ich jedenfalls – zuerst
ankommen würde. Nicht Existentialismus. Und jetzt wird’s ja überhaupt erst
spannend. Weil wirglauben , so aufgeklärte, so rationale Wesen zu sein. Sind wir
aber nicht. Erforschen wir also zunächst einmal, wieso wir das nicht sind.
Analysieren wir schonungslos und radikal all die anderen Anteile unserer
Persönlichkeiten, analysieren wir unseren irrationalen Gedanken und Regungen,
die uns permanent einen Strich durch die Rechnung machen bei dem Versuch, uns
vernünftig zu verhalten. Das wird spannend. Der Irrationalismus ist unser
Problem und unsere Herausforderung. Wir müssen versuchen, unseren eigenen
Irrationalismus zu verstehen. Dann verstehen wir auch den Irrationalismus der
anderen. Und jetzt werde ich wieder müde und schlafe weiter.