Das Werk “Erwin Strittmater – Die Biogafie” umfasst etwa 400 Seiten. Etwas Vergleichbares über Eva Strittmatters vielschichtiges Leben gibt es immer noch nicht. Leider. Aber nun haben Gabriele Radecke und Robert Rauh immerhin eine kleine Arbeit mit dem Titel “Eva Strittmatter in Neuruppin” veröffentlicht. Ein Vortrag im Mai 2025 im Museum war ähnlich angelegt, aber ganz anders illustriert.
Von Volkmar Heuer-Strathmann
Die ersten 17 Jahre werden ins Auge gefasst. Eva Braun kam am 8. Februar 1930 in Neuruppin zur Welt. Im Jahr 1947 beginnt sie als junge Abiturientin ihr Studium in Berlin. Dort wird sie im Jahr 1952 Erwin Strittmatter kennen lernen. Kindheit und Jugend fallen in Zeiten, die man sicherlich bewegt und weltbewegend nennen kann. Das Geschichtspanorama spielt in Heft 76 der Frankfurter Buntbücher nicht die entscheidende Rolle.
Die Familienkonstellation wird beschrieben. Das Alkoholproblem des Vaters ist kurz Thema. Die Lebenssituation wirkt nicht rosig. Schwere Last liegt auf der Mutter. Eva geht ihren Weg. Man hat teil an Schultagen, spürt ihr Naturempfinden und liest, was sie früh verfertigt. Keine Seite wollte man missen. Auch nicht, als es um die erste Liebe der 13jährigen Eva geht und deren trauriges Ende, kriegsbedingt. Der Vater war da schon tot, in Frankreich “gefallen”, wie man früher sagte. Verse, die von der Lyrikerin selbst später als Lebensspuren herausgestellt werden, sind zu lesen. Sie stehen am Anfang einer außergewöhnlichen Erfolgsgeschichte. Dass am Ende des Buntbuchs die Rede ist vom “unbeschwerten Lebensgefühl ihrer Neuruppiner Jugendjahre”, verwundert indessen.

Foto: VHS
Das Verhältnis zwischen Schriftstellern und Orten habe man zum Gegenstand, schreiben die Verantwortlichen vom Kleist-Museum in Frankfurt an der Oder. Mit wunderbaren Fotos von Günter Karl Bose wird Neuruppin in den Blick genommen. Das heutige. Die großen Bilder dominieren, auch wenn es außerdem wichtige kleine Bild- und Textdokumente jener 17 Jahr gibt. Man könnte glauben, eine Tourismusagentur hätte den Auftrag gegeben. Die Fontanestadt kann sich bedanken.
Ein bisschen politisch wird’s allerdings plötzlich doch noch. Da müssen die Trunkenen, die Versseligen durch: “Den Gedanken an eine soziale Utopie verwarf (Eva Strittmatter) auch nicht, als die Mehrheit der DDR-Bevölkerung nach dem Fall der Mauer in einer Reform des Sozialismus keine Zukunft mehr sah.” Eine Spätfolge früher Diktaturgewöhnung? Die erwachsene Poetin war ja hochpolitisch. Und daheim täglich mit dem Patriarchat konfrontiert. Schrecklich. Den Mauerbau 1961 hielt sie für politisch begründbar. DDR-Kulturpolitik hat ihr Leben bestimmt. In SED-Direktiven ging es allerdings weder auf noch unter. Die einbezogenen Memoiren des Neuruppiners Horst Danczewitz, später wohnhaft in Münster, sind leider käuflich nicht zu erwerben. Wie der SPD-Politiker Erhard Eppler ins Buntbuch und die gespreizte Literaturliste fand, bleibt eins der Geheimnisse des verwertungsfreudigen Duos.
Ob die Fotos dokumentieren sollen, wie schön Neuruppin heute daherkommt nach 35 Jahren Einheit? Ist ja so. Weitgehend. Bis zum Strittmatterjahr 2030 wird es vielleicht “Eva Strittmatter – Die Biografie” geben – hoffentlich durch adäquates Fotomaterial fundiert. Zum Verschenken ist das Buntbuch aber sicher gut geeignet. 10 Euro für 32 Seiten sind allerdings nicht eben wenig.

