Ein Manifest zur Erinnerungskultur in Deutschland nach zwei Diktaturen

Wer kennt Anne Kaminsky, Uwe Neumärker und Karl-Michael Sprenger? Niemand? Ihr Vorschlag oder besser: ihre Forderung, die Gedenkkultur in Deutschland grundsätzlich zu verändern, wird gewiss noch diskutiert werden, auch wenn das gemeinsame Statement der Führungskräfte dreier Stiftungen zunächst nur in der FAZ erschien. Mit Widerspruch in der OAZ darf mindestens gerechnet werden. Und in Neuruppin und im Landkreis OPR?

Von Volkmar Heuer-Strathmann

Sprenger ist Direktor der Bundesstiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte. Neumärker ist Direktor der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Und Kaminsky ist geschäftsführende Leiterin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Das Trio ist der Meinung: “Wir müssen die Geschichte der Diktaturen zusammen denken.” Das Verb könnte man auch anders schreiben, um den Zusammenhang noch deutlicher zu fassen.
Gleichgesetzt werden die Systeme der NS-Zeit und der SED-Zeit in diesem Manifest nicht. Aber sie seien, so das Trio, eben auch nicht isoliert zu betrachten. Extrem komprimiert, aber gedanklich klar wird die Argumentation entfaltet. Insbesondere der Befürchtung, auf diesem Wege würde der Nationalsozialismus womöglich verharmlost, wird entschieden widersprochen. Den Historikerstreit der 80er in der sogenannten BRD will man nicht neu auflegen. Spätestens bis zum 100-jährigen Jubiläum der Weltwirtschaftskrise von 1929 will man die Kurskorrektur realisiert haben. Das auch deshalb, weil zur Programmatik der rechtspopulistischen AfD vermeintlich patriotisch eingefärbt Revisionen auf beiden Schandfeldern der Geschichtsbücher gehören.
In Zahlen: Zwischen 1929 und 1939 bleibt das Jahr 1933 eine besondere Wegmarke. Und 1949 ist nicht ohne 1945 zu begreifen, einem der Schicksalsjahre der Welt. 2029 halten sich 40 Jahre BRD und DDR und 40 Jahre deutsche Einheit die Waage. Rein zeitlich, versteht sich. Nachbarstaaten, Koalitionen, Bündnisse, Pakte und Verträge werden einbezogen. Es geht eben um’s Ganze. Und es geht darum, neben dem Selbstverständnis das Fremdverständnis zu vertiefen und zu erweitern, was Einwandernden wiederum differenzierte Zugänge zur deutschen Geschichte mit ihren beiden Diktaturen und Beispielen von Widerstand oder Verweigerung erleichtern müsste.

Am Stadtgarten wird an politische Turbulenzen aus dem Jahr 1989 erinnert.

In Neuruppin wird mit einer Skulptur aus dem Jahr 1981 der Opfer des Faschismus gedacht. Außerdem gibt es ebenfalls noch aus der Zeit der DDR Zeichen der Erinnerung an den Todesmarsch vom April 1945. Die Erinnerung in der einen Diktatur an die andere Diktatur wurde nicht angetastet. Zur spezifischen Geschichte der DDR liefern Schilder und Fotos ein paar Informationen, etwa im Hinblick auf den 17. Juni 1953 oder die Formierung oppositioneller Kräfte im Jahr 1989. Was Information und Kunst zur Befreiung der Kyritz-Ruppiner Heide anbelangt, ist an Rückbezügen zum Ost-West-Konflikt und zur Besatzungszeit ebenfalls kein Mangel. Und nun also fürderhin alles auf’s Ganze betrachtet und dabei doch um Differenzierung bemüht? Als Fundament der Demokratie sieht man die Volksouveränität an, in Freiheit und in voller Verantwortung.

Sowjetischer Ehrenfriedhof aus dem Jahr 1945 zur kalten Jahreszeit.
Fotos: VHS

Kaminsky, Neumärker und Sprenger setzen auf Bildung. Gezielte Forschung im Sinne der Neuorientierung wird gefordert. Natürlich fixieren sie sich nicht allein auf Jahrestage. Der 27. Januar aber dürfte als Gedenktag anlässlich der Befreiung des KZ Auschwitz im Jahr 1945 durch die Rote Armee unangetastet bleiben. Adolf Hitler und Josef Stalin werden in dem Manifest als Diktatoren auf eine Stufe gestellt. Der Holocaust mit sechs Millionen ermordeten oder qualvoll gestorbenen Juden und Jüdinnen wird nicht relativiert, auch nicht durch die Erwähnung der rund 27 Millionen Kriegstoten auf sowjetischer Seite. Wie mag der russische Soldatenfriedhof in Neuruppin in die Debatte einbezogen werden?

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