Sophia

Wir kannten uns noch nicht lange. Sophia und ich. Vielleicht etwas mehr als vier Jahre. Ich erinnere mich an unsere erste Begegnung, an einen kühlen Märztag, genauer: an den 22. März, dem Welttag der Poesie. Seit einigen Jahren hatten wir zu diesem Poesie-Festtag auf den Schulplatz eingeladen, zum gemeinsamen Lesen unserer Lieblingsgedichte. Es kamen und kommen immer erstaunlich viele Menschen zu dieser Veranstaltung, junge und alte, Bekannte, Freunde und manchmal auch nur zufällige Passanten. An diesem 22. März kam gegen Ende unseres kleinen Lesefestivals jemand, den wir noch nie zuvor gesehen hatten. Eine eher kleine Frau mit kurzem grauem Haar (ich weiß nicht, ob alles genau so geschah wie ich es jetzt erzähle) trat nach vorne ans Mikrofon. Sie hatte ihren Vortrag vorbereitet, hatte ein Manuskript in der Hand, vielleicht auch ein Buch. Autor und Titel des Gedichts, das sie vortrug, hab ich vergessen, was ich nicht vergessen habe, ist die Leidenschaft, die Freude und Inbrunst mit der diese kleine, fast unscheinbare Frau ihren Text vortrug. Zugleich schüchtern und selbstbewusst fragte sie die Zuhörer und Zuhörerinnen, ob sie noch ein weiteres Gedicht hören wollten. Darauf rezitierte sie frei, ohne jeglichen schriftlichen Text. Und man konnte ihr dabei zuschauen, wie sie das Gedicht aus ihrer Erinnerung abrief, wie sie gelegentlich innehielt, um den Text „abzurufen“. Es war phänomenal. Da stand und sprach jemand, den noch niemand von uns je gesehen hatte, und diese Person schien ein ganzes Poesie-Lexikon  in ihrem Kopf gespeichert zu haben. Und diese Person war Sophia. Im Laufe der Jahre stellte sich heraus, dass sie tatsächlich hunderte von Gedichten auswendig kannte. Wir baten sie oft darum, eins vorzutragen. Dann lächelte sie leicht verschmitzt, konzentrierte sich und trug vor. Kurze und lange Gedichte, moderne oder alte. Ihr Fundus war scheinbar unerschöpflich. 

Sophia, diese kleine Frau, tauchte dann immer häufiger bei Kulturveranstaltungen auf: bei Konzerten und Lesungen, im Kino und im Politischen Salon. Sie war zurückhaltend, drängte sich nie nach vorne in die „erste Reihe“, war aber immer gegenwärtig. Aufmerksam, manchmal versonnen und scheinbar abwesend, mit ihren eigenen Erinnerungen und Gedanken beschäftigt. Dann aber wieder geistesgegenwärtig und engagiert.

Es dauerte lange, bis sie sich bei einer Diskussionsveranstaltung zum ersten Mal zu Wort meldete.  Auch hier erinnere ich nicht mehr, worum es ging. Aber ich erinnere mich daran, dass da jemand mit aller Ernsthaftigkeit, Erfahrungen des eigenen Lebens zur Diskussion stellte. Mit allem Eigensinn. Manchmal zauderte Sophia, ließ alle Zuhörer fühlen, dass sie daran arbeitete, sich und die Welt verstehen zu wollen. Dass sie ihre Erfahrungen nicht nur mitteilen, sondern auch teilen wollte. Mit der Zeit begriffen wir wie Sophia ganz allmählich in unsere Gemeinschaft hineinwuchs. Vorsichtig, behutsam, aber mit aller Selbstverständlichkeit einen Platz einnahm, der ihr auch zustand. Sie wurde unsere Freundin und Gefährtin.

Sophia war, auch das begriffen wir mit der Zeit, eine von uns. In ihrer Offenheit und manchmal auch schroffen Direktheit, eine Bereicherung „unserer Gesellschaft“.

In den vergangenen Jahren war sie dann, wann immer sie konnte, bei unseren Gesprächen zugegen. Bei Kaffeerunden genauso wie bei irgendwelchen Diskussionsveranstaltungen. Hörte man ihr mit offenen Herzen und wachem Verstand zu, konnte man nur gewinnen. 

Im Winter vor etwa eineinhalb Jahren offenbarte sie uns, dass man bei ihr Leukämie diagnostiziert hatte. Sie verschwand immer mal wieder für Tage oder Wochen im Krankenhaus und dann tauchte sie wieder auf und wir waren froh, sie wiederzusehen. 

So saßen wir dann wieder beieinander, als wenn nichts geschehen wäre, aber wir wussten alle, dass Sophia todkrank war. Sie hat daraus nie einen Hehl gemacht, machte aber auch nie ein „großes Drama“ daraus. Sophia war einfach wieder da. Zuletzt kam sie mithilfe eines Rollators. Man konnte sehen, dass es sie viel Kraft kostete. Aber Sophia wollte dabei sein und wir waren froh, dass sie bei uns war. Gestern, am Dienstag, dem 11. August, ist unsere Freundin Sophia gestorben.

Von Otto Wynen

Ein Kommentar

  1. Ja, liebe Sophia, Du wirst uns fehlen. Dein Blick auf die Irrungen und Wirrungen unserer Gesellschaft war immer aufmerksam und speziell. Die Literatur war Dir dabei eine stete Begleiterin. Jedes Gespräch mit Dir war interessant, jede Begegnung war bereichernd, gerade weil unsere Ansichten nicht immer übereinstimmten.

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