Glosse: ENTPOLITISIERT EUCH!

Eine Provokation.

Was passiert, wenn wir Menschen nicht zuerst als politische Gegner, sondern als Nachbarn, Kollegen oder Freunde betrachten? Eine provokante Glosse über Zuhören, Verständigung und die Frage, ob Demokratie manchmal mit einem ganz normalen Gespräch beginnt.

Von Otto Wynen

Nennen wir die Gretchen-Frage mal ein bisschen zeitgemäßer: die Mustafa-Frage: Sollen wir mit Rechten reden? Sie ahnen, meine Antwort lautet: Ja. Unbedingt sogar. Und am besten so oft wie möglich. Das wird vermutlich manchem das Äußerste abverlangen. Aber die Zeiten sind eben nicht rosig und wir sollten alles (naja, jedenfalls vieles) dafür tun, den immer noch wachsenden Rechtsextremismus einzudämmen oder zu entschärfen.

Bisher hat keine Brandmauer gegen Rassismus und Menschenfeindlichkeit geholfen. Aber vielleicht ist auch nicht jeder AfD-Wähler (ich übernehme für den Moment mal die medienübliche Gleichsetzung AfD-Wähler und Rechtsextremismus) gleich ein Menschenfeind. Vielleicht sind viele eher zeitweilig schlecht gelaunte Zeitgenossen nur einfach hin und wieder auf Krawall gebürstet. Wollen es „denen da oben“ zeigen. Und ansonsten – ich traue mich ja kaum es zu sagen – sind es Menschen wie Du und ich.
Wenn wir sie nur durch die „politische Brille“ betrachten fehlt es uns offenkundig an theoretischem und analytischem Werkzeug, diesen von uns diagnostizierten Rechtsextremismus zu bändigen.
Versuchen wir es also anders: setzen wir die Brille ab und betrachten den „AfD-Wähler“ einfach als Menschen. Als Nachbarn, als Kollegen, als Bekannte. Mit all seinen üblichen, menschlichen Eigenheiten und Gepflogenheiten. Sehen wir also, was er sonst noch so ist, außer eben „AfD-Wähler“. Zum Beispiel: Fußball-Fan. Gute Gelegenheit, über Fußball zu reden. Vielleicht ist er oder sie eine begeisterte Chor-SängerIn. Reden wir über Musik. Andere verbringen ihre Freizeit gerne in der Datsche, im Garten. Wie ist die Obsternte? Selbst über Autos kann man (Männer) reden. Über andere Sportarten: Tischtennis, Segeln, Marathon – Sie ahnen, dass die Palette von gemeinsamen Themen nahezu unerschöpflich ist. Warum sollte man sich gerade über Politik unterhalten? Um dann festzustellen, dass man mit dem eigentlich ganz sympathischen Gegenüber nichts, aber auch gar nichts mehr zu tun haben möchte. Verzichten wir doch mal für den Augenblick auf Politik. Verzichten wir auf den schon geradezu rituellen Schlagabtausch abgedroschener Argumente. Geht das?

Foto von Mateusz Butkiewicz auf Unsplash

Der Mensch, sagen dann die Schlauen, ist ein zoon politicon (Antike, Aristoteles). Ja, das stimmt. Nur heißt zoon politicon eben nicht ein „politisches Wesen“, erst recht kein „parteipolitisches Wesen“, sondern einfach nur ein „geselliges Wesen“, ein Wesen, das in Gemeinschaft lebt und leben möchte.
Es ist eine geradezu greifbare Erfahrung, dass sich die Menschen nach Gesprächen mit ihren Mitmenschen sehnen. Oft zwar nur, um ihnen „die Meinung sagen“ zu können, aber was soll´s?
Entscheidend ist, dass wir mit Großherzigkeit, mit Nachsicht, (schwarzem) Humor und einem gerüttelt Maß an Selbstdisziplin versuchen, die Gräben zu überwinden, die uns inzwischen scheinbar unüberwindlich trennen.

Schauen wir auf die Gemeinsamkeiten. Sehen wir auf die Menschen in ihrer
Vielfältigkeit und Widersprüchlichkeit. Erfahren wir den ganzen Menschen.

Entpolitisiert Euch!

Ein Kommentar

  1. Der Text hat eine interessante und bewusst provokante Grundidee: Nicht zuerst die politische Zuschreibung sehen, sondern den Menschen. Gleichzeitig kann der Titel „Entpolitisiert Euch!“ missverstanden werden. Der eigentliche Gedanke scheint ja nicht zu sein, Politik zu ignorieren, sondern Menschen nicht auf ihre politische Haltung zu reduzieren.

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