Horvaths “Hin und Her” – ein Appell gegen die Inhumanität an Grenzen?

Grenzen zwischen Staaten sind ein ganz großes Thema – historisch-politisch, militärisch, wirtschaftlich, währungshoheitlich, ökologisch, ethnisch, ethisch und manchmal auch biografisch, also psychisch. Das Ensemble Saynever von der Jugendkunstschule Neuruppin hat unter der Leitung von Angela Hundsdorfer die Komödie “Hin und Her” von Ödön von Horvath erarbeitet. Die bei grenzwertigen Temperaturen Versammelten erlebten einen eindrucksvollen Theaterabend, der durch ein Video an der Wand vorab noch an Aktualität und Brisanz gewann. An Komplexität und Ernsthaftigkeit allerdings auch.

Von Volkmar Heuer-Strathmann

Ob Menschenrechte Nebensache werden durch das seit dem 12. Juni 2026 geltende Gemeinsame Europäische Asylsystem, das ist die Leitfrage an der Wand. Die Video- und Textpräsentation beginnt auf hoher See. Mittelmeeratmosphäre, Wellenspiel, Faszination und Unheimlichkeit. Was der Autor 1933 eine Posse genannt hat, bekommt einen beklemmenden Rezeptionsrahmen durch Anmerkungen zum Triumph der äußersten Rechten im Europaparlament. Deborah Schnabel, die Direktorin des Anne Frank Zentrums, wird zitiert mit warnenden Worten. Das politische Reiz- oder Segenswort “Abschiebezentren” ist auch notiert.

Kein Zuhause.

Horvaths Stück liegt völkerrechtlich in einem unbestimmten Raum. Es ist nicht etwa dokumentarisch angelegt. Zwei Staaten sind durch einen Fluss als Grenze getrennt. Früher nicht selten, solch eine Formation. Federstriche auf Karten sind von anderer Art. Eine schlichte Holzbrücke verbindet. Öffnet Zugang. Doch am jeweiligen Ende ist Schluss mit lustig, da sitzt das “Grenzorgan” wie eine Kröte.
Der schöne Apotheker Ferdinand Havlicek wird auf der einen Seite als ureigentlich nicht dazugehörig ausgewiesen, aber auf der anderen Seite eben leider nicht hereingelassen. Dort war er zur Welt gekommen, hatte aber nur ganz kurz daselbst gelebt. Man will ihn einfach nicht. Nirgends. Die Agierenden wissen die breit angelegte Spielfläche im Vorderhaus im Stadtgarten mit zwei exponierten Bühnen geschickt zu nutzen. Zur Posse wird die Handlung durch Typen- und Situationskomik. Maulfertigkeit kommt hinzu. Hüben wird reichlich getrunken, sogar im Dienst. Drüben gibt es Liebesverwicklungen, sogar über die Staatsgrenze hinweg oder unten durch. Drogenschmuggel kommt zusätzlich ins Spiel, verknüpft mit einem Fall fataler Abhängigkeit. Bisschen Angelei am Ufer des Schicksalsflusses sorgt für Heiterkeit. Einzelne Wortwechsel haben Witz. Ein Hauch von Gegenwartsgroteske durchdringt plötzlich die Handlung, als Regierende aufeinander treffen, als finstere Typen bemäntelt, von Sonnenbrillen unkenntlich gemacht. Klischeekomik oder Grußadresse? Die Namen sind bekannt.
Verwirrung breitet sich aus im Niemandsland, da keiner und keine so recht weiß, was noch gilt. Es ist inzwischen fast Tagesschauzeit im wirklichen Leben. Das ist eine Nachrichtensendung im ÖRR. Müsste nicht permanent gefächelt und gewedelt werden in den dicht besetzten Reihen, um mit der Schwüle klarzukommen, gäbe es sicherlich auch zwischendurch verdienten Applaus für die beherzt Agierenden. Wenn man doch bloß ihre Namen wüsste!
Theodor Fontane hätte der Stoff gewiss auch interessiert. Der Apotheker-Vater war ja nur nach Neuruppin verschlagen worden, weil die Note nicht reichte für Größeres, also für die bessere Gesellschaft. Solche Grenzziehungen gab es einst auch in Preußen-Brandenburg. Schrecklich!

“Remigration”, Schicksalswort an der Wand?
Fotos: VHS

Im offenen Gefüge der beiden Bühnenweltstaaten werden plötzlich Grenzen überschritten, sie werden fragwürdig, wirken hinfällig. Gottgegeben ist keine, das weiß die aufgeklärte Gesellschaft. Eigentlich. Im Mondschein kommt man sich näher. Menschlich. Man wird ehrlicher. Bestimmungen sind bloß Papier. Macht baut auf Gefolgschaft. Da blitzt der Geist der Utopie auf, zum Ausklang auch in wohlgeformter Einzelrede: LEBEN OHNE GRENZEN! Also leben und leben lassen – auch Wohlleben! Kein Siechtum! Und niemals Verbannung!
In den Augen von Nationalisten ist Grenzenlosigkeit nicht erst heute ein Untergangsszenario! Parteien wie die AfD spielen auf der Klaviatur und verbuchen damit Erfolge. Aktuelles Stichwort ist die Nichtrückführbarkeit. Also fort mit dem galanten Apotheker ins Abschiebezentrum irgendwo in Afrika? Und vorher übel traktieren und Misstrauen gegen ihn ins Feld führen? Ein Giftmischer? Ein Seelenverführer?
Horvath, im Königreich Ungarn geboren, erlebte die Grenzverschiebung der Nazis durch Angriffskriege nicht mehr. Sein Vater war um 1900 Diplomat. Die Eltern waren unterschiedlicher Abstammung. Eigentlich ist das Kind ein “Mischling”. Städte wie München und Berlin prägten seine Entwicklung, später tatsächlich auch Possenhofen. Deutsch war Ausgangssprache. Aufstieg und Sieg der NSDAP erlebte der Ausländer teilweise hautnah. Wortwörtlich. Die 1933 geschlossene Ehe mit einer Jüdin hielt nur ein Jahr. Die Uraufführung von “Hin und Her” hatte er 1934 in Zürich erleben können. 1936 wurde er aufgefordert, Deutschland zu verlassen. Er ging. Der Roman “Jugend ohne Gott” gehörte 1937 noch zu seinen Antworten. Ödön von Horvath starb am 1. Juni 1938 im Pariser Exil.
Nach dem begeisterten Schlussapplaus stellte die Spielleiterin die Agierenden vor. Das Ensemble hätte es verdient, auch am Dienstag ab 19 Uhr im Stadtgarten wieder vor vollbesetzten Reihen sein Können, seinen Mut und viel Spielfreude in spaßarmen Zeiten zu zeigen. Aber ohne Debatte bei diesem politischen Sprengstoff? Selbst die Schulaufführung am Morgen?

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