“Ein Yankee in der Mark” – ein fast vergessenes Buch in der Hand

Joachim Seyppel ist 50, als die DDR zwanzig wird. Er ist ein gebürtiger Steglitzer, sieht sich als Märker, aber er lebt Ende der 60er, wo man in Westmark zahlt. Er lebte und lehrte auch schon in den USA. Im Jahr 1967 begibt er sich auf “Wanderungen nach Fontane”. Das 1969 im Aufbau Verlag erschienene Buch “Ein Yankee in der Mark” ist im Altwarenhandel noch zu haben.

Von Volkmar Heuer-Strathmann

Manche nennen das “Yankee”-Werk eine Satire. Theodor Fontane wird auf jeden Fall nicht imitiert, seine “Wanderungen” aber auch nicht parodiert. Der Aufbau Verlag hatte Joachim Seyppel und Franz Fühmann für die Idee einer literarischen Bilanz gewinnen können, Form offen, also eine offene Frage. Reportagen? Der in der DDR lebende Schriftsteller stieg leider bald aus. Zu zerrissen. Lektor Günter Caspar erwähnt ihn erst gar nicht im Vorspann. Sonst könnte es Nachfragen geben. Mit dem, was Seyppel abgeliefert hat, scheint er sehr zufrieden. Ob sich da kulturpolitisch im Ausklang der Ära Ulbricht schon anbahnt, was später mit Erich Honeckers Parole “keine Tabus” etwas zu locker subsummiert wurde?
Seyppels Frau ist US-Amerikanerin. Die beiden Kinder haben eigentlich keine Lust zu dem Wanderfahrtprojekt. Schöne Schilderungen sind zu lesen von echten Menschen. Man spürt, was bei Fontane fehlte: Ein Fahrrad zum Beispiel. Und Familiendynamik unterwegs. Der “Stechlin” ist für Seyppel Fontanes Meisterwerk. Es setze Maßstäbe, sagt er. An Aphorismen und Briefnotizen aus Fontanes Feder ist kein Mangel. Andere Geistesgrößen werden nicht vergessen unterwegs, etwa Paul Gerhardt oder Heinrich von Kleist.

Ausschnitt aus dem Neuruppiner Gesamtbild mit Fontane-Denkmal.
abfotografiert aus dem “Yankee”-Buch.

Der Autor orientiert sich an den Flüssen Spree, Oder, Havel sowie Rhin und Dosse. Die Bandbreite liegt zwischen Eisenhüttenstadt und Rheinsberg, zwischen DDR-Industrie und feudalem Musenhof. Potsdam darf nicht fehlen, schon wegen des Fontane-Archivs. Die Fülle an Sekundärliteratur überrascht den studierten Literaten. Und das damals schon. Heute könnte er von einem Bücherbergmassiv schreiben und die Vermarkter und Trittbrettfahrer verspotten.
“Irgendwie links”, könnte im Pass stehen von Joachim Seyppel, wenn so etwas notiert würde. Und “nirgendwo” zu Hause? BRD, West-Berlin und USA haben den Märker nicht trunken gemacht. Kriegserfahrung und Antikommunismus der Ära Adenauer nicht blind. “Korea, Kuba, Vietnam” – was für ein Dreiklang im “Yankee”-Roman!
Seyppel ist wirklich neugierig. Eine etwas reservierte Gastfreundschaft erwartet ihn und die Seinen in der DDR, aber auch die Neugierde mancher Zeit- und Genossen, was hinter der Reiserei dieser Leute steckt. Einzelne Begegnungen, einzelne Typen werden mit Humor geschildert. Etwa dieser Mann in Neuruppin, der so tut, als habe er keinen blassen Schimmer von diesem Fontane. Fehlanzeige! Reingelegt! Oder der Wissenschaftler in Rheinsberg, der sich im dortigen Kernkraftwerk vom Zauber dieser Energiegewinnung bestrahlt zeigt und auf die DDR rosige Zeiten im Systemwettbewerb zukommen sieht. Seyppel indessen denkt auch an Nuklearwaffen, er kommt nicht ins Schwärmen. Aber zum “Typ Tucholsky” mutiert er in der Schlossherrlichkeit auch nicht.

Amaturen, Symbole, Anlagen – Impressionen vom Kernkraftwerk.
abfotografiert aus dem “Yankee”-Buch.

Die Illustrationen von Rudolf Peschel sind bewusst schematisch. Die Kinder in “Minirock und Jeans” sucht man vergebens. Allein Denkwürdiges wird zur Komposition gefügt. Von Menschen keine Spur, nicht mal im Park. Um die aber geht es immer wieder in den Dörfern und Städten der Mark. Auch um sprödere Typen dieses Landstrichs und natürlich um ödere Gegenden. Etwas Sachwissen wird vorausgesetzt, etwa in Sachen Kollektivierung der Landwirtschaft. Gelernt werden darf auch. LPG Typ 2? Was mag das sein? Und wer hat das Sagen? Dazu sagt Seyppel nicht viel. Die Zeit drängt. Das Einreisevisum ist begrenzt. Was mögen die Kinder danach erzählt haben von diesem Sommer 1967, vom Grenzübergang Friedrichstraße, von der Weite Brandenburgs und der Welt der Planwirtschaft? Ein Hauch des CSSR-Frühlings auch in der DDR?
Joachim Seyppel wird ein paar Jahre später freiwillig Bürger dieses Staates. Eine Liebschaft spielte wohl auch eine Rolle. Die Ehe ruhte. Die Ehefrau nicht. Sie schrieb auch. Nur wenige Jahre danach wird er wieder ausgebürgert. Von wegen Biermann und Havemann. Also wieder Westbürger. Schreibaktiv, auch journalistisch. Diese Entwicklungen kann man hier auf den Spuren des erzählfreudigen Yankees noch nicht ahnen. Sein Humor verlässt ihn in Brandenburg nicht. Zum Glück! Eine selbstgefällige Einteilung im Westen in Hüben und Drüben ist ihm zu wenig. Die Welt ist anders, komplex, dynamisch, das Leben immer wieder auch zufällig. Und entscheidungsoffen. Und überrachend. Seins besonders…

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