Ein musikalischer “Wimpernschlag”: Traurigkeit und entfesselte Lebendigkeit

Trotz anhaltender hochsommerlicher Temperaturen kamen recht viele Menschen in die Klosterkirche, um das Konzert “Ein Wimpernchlag” zu erleben. Oder gerade wegen der Hitze? Aus wachsendem Gefährdungsbewusstsein? Mit den Darbietungen von Kathrin von Kieseritzky am Saxophon und Martin L. Carl an der Orgel wurde die Reihe der Sommerkonzerte fortgesetzt. Der Organist war kurzfristig für den angekündigten Hendrik Rüssmann eingesprungen. Der Tageszettel erzählte schon den Werdegang des gebürtigen Westberliners.

Von Volkmar Heuer-Strathmann

Vorab war von “einer fast unstillbaren Sehnsucht” der Menschen die Rede. Im Konsum findet sie sicher keine Antwort. Im Gerede auch nicht. Und an den Smartphones allenfalls scheinbar. Aber in der Kunst? In der Musik? Durch musikalische Entfesselungskunst? Die Antwort gibt nicht das Feuilleton. Die geben immer noch am besten die Lauschenden selbst. Im Angebot hatten Kathrin von Kieseritzky am Saxophon und Martin L. Carl an der Orgel viel Traurigkeit. Aber ihr Konzert ist keine Totensonntagsandacht.
Schon der Auftakt mit “Ad mortem festinamus” war Totentanz und zugleich musikalischer Lichterglanz aus dem Mittelalter. “Wir eilen dem Tode entgegen” lässt sich eben nicht nur fatalistisch lesen. Auch Paul Hindemiths “Trauermusik” wirkte später nicht etwa allein wie ein langer Gesang der Intrumente am Grabe. Martin L. Carl bändigt die Orgel. Wie leicht könnte er den Abend dominieren! Doch er lässt die Gute flüstern, wispern, tirilieren und sanft verklingen. Umso intensiver können die Saxophone ihre Lieder singen. Aus der Moderatorin wird eine Musikerin, die Maurice Ravels zerbrechliche Klagelieder an Gräbern von Kriegstoten ab Sommer 1914 genauso sicher bewältigt wie die wagemutigen Kapriolen und Enthusiasmen eines Francis Poulenc.

Sologesang für die Seele: die um Worte nie verlegene Künstlerin zum Auftakt.
Fotos: VHS

Ob jene Sehnsucht noch mehr gestillt würde durch Stille? Kein Applaus zwischendurch? Meinungssache. Man war eben nicht zum Gottesdienst versammelt. Nicht zur Grablegung. Matthias Noack mutierte nicht zum Messdiener neben dem Organisten. Er blätterte bloß bisschen, damit der geschätzte Kollege aus Charlottenburg sich ganz den hohen Ansprüchen an sein Spiel stellen konnte – mit Händen und Füßen und Gespür für die Feinheiten. Zu leicht könnte ein “Prayer” von Ernest Bloch ohne Mäßigung wirken wie ein Vorbeter, also vormodern. Kathrin von Kieseritzky greift hier gern zum tiefer gestimmten Instrument, ohne dass ihre Darbietung allzu schwer würde oder tiefdunkel. Sie arbeitet in Berlin viel mit Kindern und Jugendlichen. Das mag ihre Lockerheit im Wechsel mit todernster Miene und besonders ihre Mundfertigkeit als Moderatorin erklären. Ob der Name echt ist? Ihr Spiel ist geadelt – ohne jeden Zweifel. Und dieser Herr Carl hat auch mehr Sommerfrüchte zu bieten als der andere Kerl an den Straßen und auf den Plätzen im Niedriglohnsektor.
Sehnsüchte stillen und Sehnsüchte wecken – das ist das Erfolgsrezept dieses Duos mit seinem Musikprogramm aus Wimpernschlag, Augenzwinkern, Stirnhöhe und Augenglanz. Da ist man gerne ganz Ohr. Wer aber diesmal Ohrensausen verspürte, wird am kommenden Dienstag vom Duo Reinhard und Bert gewiss geschont. Perlen des Barock soll es geben an Cembalo und Violine. Und die laufende Hitzwelle dürfte der Klosterkirche ohnehin in diesen Tagen die Bedeutung einer Oase geben. Schon mal über verlängerte Öffnungzeiten nachgedacht?

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