Eigentlich heißt sie Ernestine Rehbein. Man ruft, man nennt sie einfach “Stine”. Entschieden hat das Theodor Fontane. Er ist der Schöpfer, er trägt als Dichter die Verantwortung für den 1890 erschienenen gleichnamigen Roman. Mit Stine kann man durch das Berlin ihrer Zeit spazieren. Bernd W. Seiler bietet in dem Bildband “Fontanes Berlin – Die Hauptstadt in seinen Romanen” wunderbares Anschauungsmaterial. Zur “Mohrenstraße” kommt man auch.
Von Volkmar Heuer-Strathmann
Aber greifen wir doch erstmal zum Buch. Blättern wir ein bisschen. Die Erstlektüre liegt lange zurück. Kapitel elf vielleicht? “Baron Papageno (niemanden über sich) wohnte von alter Zeit her…” Klingt nicht sehr spannend, die Parenthese wirkt geradezu unbeholfen. Und aus dem Werk gab’s 2017 in Brandenburg im Zentralbitur im Fach Deutsch einen Auszug? Diese leidige Männergesellschaft mit dienstbaren Frauen? Diese Figurentragik? Aber doch wohl nicht das: “Der Baron lag auch heute wieder im Fenster, aber nicht nach dem Zietenplatz, sondern nach der Mohrenstraße hinaus…” Bei Seiler sehen wir, wie man sich die Szenerie vorstellen darf um 1877. Der Blick geht über den Wilhelm- und den Zietenplatz Richtung Mohrenstraße. Gefertigt wurde das Werk 1886. Die Fotografie sitzt den Malern im Nacken. Man sieht es. Was man nicht sieht, ist ein Straßenschild. Aber das im Hintergrund querstehende Haus.
Erst kürzlich war da ja wieder mächtig was los. Und viel Verwirrung. Der Straßenname wurde geändert. Anton-Wilhelm-Amo-Straße heißt sie jetzt. Man erinnert seit dem 21. August 2025 auf Beschluss der dafür Zuständigen und nach allerlei Rechtsstreit – nicht nur mit politisch rechtsnationalistisch Denkenden – an den aus Ghana stammenden Philosophen, der im 18. Jahrhundert an verschiedenen deutschen Universitäten lehrte. Gut so! Sechs Monate lang soll der alte Name noch erhalten bleiben, natürlich rot durchgestrichen.
Und die Prüflinge der Zukunft, wenn “Stine” wieder mal des Wegs kommt und – anders als 2017 – genau hier klausurhalber Halt gemacht würde? Eine Neuauflage mit dem feinen Haus an der Anton-Wilhelm-Amo-Straße? Oder bloß eine Fußnote in jenem Kapitel zum Versuch, kolonialistisch geprägtes Denken, Sprechen und Benennen zu überwinden?
Kurz darauf heißt es bei Theodor Fontane übrigens aus dem Munde Baron Papagenos gegenüber Graf Waldemar: “Lassen Sie mich den Führer machen…”

