Egal

Manchmal verändert ein einziges Wort den Blick auf das Leben. Eine persönliche Glosse über einen rumänischen Flüchtling, die Freiheit der siebziger Jahre und die wohltuende Kraft eines versöhnlichen „Egal“.

Von Otto Wynen

Fünfzig Jahre ist es jetzt her, da tauchte in dem Ort, in dem ich damals lebte, Adrian auf. Ein Flüchtling. Er kam aus Rumänien. Ein Rauschebart. Mit funkelnden, lachenden Augen. Muskulöse Arme, kräftige, braungebrannte Hände. Wie alt mochte er gewesen sein? 15, 20 Jahre älter als wir. Es gab nichts Äußeres, wodurch er sich hätte von uns unterscheiden können. Wir trugen ja damals alle das gleiche: vergammelte Jeans, T-Shirts, irgendwelche karierten Hemden. Allein seine „Jesus-Latschen“ kamen mir etwas fremdartig vor. Im Herbst.

Ach, die siebziger Jahre. Am Rhein. In einem kleinen Ort zwischen Köln und Düsseldorf. Wir waren jung, wir lebten in den Tag. Genauer gesagt: in die Nacht. Was tagsüber damals geschah, entzieht sich meiner Erinnerung. Vermutlich viel Routine, viel Leerlauf. Die krawalligen Punks hatten gerade die Parole „No Future“ ausgerufen – wir lebten no Future schon seit Jahren. Der Westen, eingeklemmt in den welt- und geopolitischen Ost-West-Konflikt. Kalter Krieg, sagt man heute, ich erinnere mehr einen lauwarmen Frieden.
Adrian streifte unser Leben wie ein strahlender Komet. Erschien eines Tages, leuchtete fremd und verheißungsvoll in unser Leben und zog seines Wegs. Keiner von uns wusste, wo er schließlich landete. Amerika, hieß es immer mal wieder. Ja, Amerika, das könnte sein. Das war damals der nächste große Schritt in die Freiheit.

Egal
Bild von Jardo de la Peña auf Pixabay

Warum aber bleibt Adrian trotzdem – mehr als ein halbes Jahrhundert später – in meiner Erinnerung? Die Antwort: wegen eines einzigen Wörtchens. „Egal.“ Meistens sprach Adrian Englisch, „broken English“, wie wir auch. Aber „Egal“ war ein verbales Juwel für Adrian. Und uns dämmerte ganz allmählich, was es mit diesem „Egal“ auf sich hatte. Egal brüllte er beim Billardspiel, egal bei einem Missgeschick, egal auch, wenn er einen Flirtversuch startete und sich einen Korb einfing. Egal. Er brüllte es, er hauchte es, er flüsterte und sang es. Und wir lachten und lachten.
„Egal“ hatte es für Adrian in Rumänien nicht gegeben. Was wussten wir schon vom real existierenden Sozialismus? Nichts. Der Eiserne Vorhang war nahezu undurchlässig. Und Rumänien nicht weniger fremd als Sibirien. Egal – das war für Adrian ein beglückender Befreiungsschlag aus einem reglementierten und allseits kontrollierten Leben. Egal – das war für Adrian die gelebte, neue Freiheit. Niemandem war er mehr Rechenschaft schuldig. Konnte tun und lassen, was er wollte.

Ja, es gibt dieses verführerische, ansteckende, schillernde Glück der Gleichgültigen. Ich habe diesen Schatz immer aufzubewahren versucht. Es war ein Geschenk des Himmels – auch für uns.
Natürlich könnten und müssten wir das ganze Universum der Gleichgültigkeit jetzt durchdeklinieren – von der stoischen Seelenruhe bis zur modernen Indifferenz. Wie alles, ist auch die Gleichgültigkeit ambivalent. Aber vielleicht ist sie auch manchmal die letzte Rettung in einer von endlosen Streitigkeiten aufgepeitschten Welt.
Ach, wie sehr sehne ich mich hin und wieder nach einem lächelnden, versöhnlichen „Egal“.

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