Domenico Müllensiefen als interessierter Zuhörer in der Remise Foto: VHS
Als Zuhörer durfte Domenico Müllensiefen in der Rheinsberger Remise erleben, wie gut besucht Lesungen in der Prinzenstadt sein können. Knut Elstermann stellte “Rheinsberg – Das Jahr 1945” vor. Nun präsentiert der aktuelle Stadtschreiber sein jüngstes Werk am 2. Juni ab 19 Uhr im Tucholsky Museum. Selbst verhindert, könnte man als beeindruckter Leser des Romans “Manchmal muss man sich entscheiden” zahlreiche Gründe nennen für einen Besuch der von Peter Graf moderierten Veranstaltung.
Von Volkmar Heuer-Strathmann
Um Flüchtlingsbewegungen auf Viehtransportstrecken geht es. Um Mutter und Tochter auch, die Fahrerin eines Schweinelasters und ihre ausnahmsweise mitfahrende schwierige Tochter. Die Beziehungen sind verwickelt, auch sorgerechtlich. Der Erzählfluss von Domenico Müllensiefen kennt keinen Stau. Aber der Grenzübergang, dem man sich mit LKW-Fahrerin Sandra und Tochter Mia nähert. Mal ein Zitat? “Denen gab man alles.” Das ist ziemlich vage – jedes Wort. Sandra ist selbstständig, aber nicht auf Rosen gebettet. Allenfalls auf Dornen. Der Markt ist brutal, doch noch träumt sie nicht davon, selbst zur Schlachtbank des Kapitalismus geführt zu werden. “Denen” gilt denen, die ihr bislang noch sehr suspekt sind, insbesondere als illegale Migranten auf illusionsschweren Fluchtrouten. Müllensiefen ist souverän genug, rechtes Gedankengut einzuflechten. Die Handlung ist primär im Jahr 2025 angesiedelt. Mehr Gegenwart geht nicht. “Schwein gehabt, Mian und Siar!”, wäre als Romantitel fast schon zu schön gewesen, um wahr zu werden.

Foto: VHS
Der Autor aus Magdeburg, DDR-Jahrgang 1987, der in Leipzig lebt, arbeitet ohne Fußnoten, eben in der Tradition des poetischen Realismus. “Eure Freiheit wird am Hindukusch verteidigt”, greift Worte des einstigen Verteidigungsministers Peter Struck (SPD) auf. Ihre Brisanz wurde jüngst noch gesteigert, Stichwort Straße von Hormus. Sven, der Vater von Mia, der Partner von Sandra, ist beim Auslandseinsatz der Bundeswehr in Afghanistan ums Leben gekommen. Mehr Zufall geht nicht. Der Rückzug des sogenannten Westens aus dem Land der Taliban liegt zur Romanzeit vier Jahre zurück. Mia ist viel bei Netflix unterwegs, aber im Schweinetransporter wächst ihr Interesse an Politik. An Reife gewinnt vor allem die Mutter. Genug Unsympathische gibt’s auch unterwegs. Und Gestank. Ekelig. Eben alles, was Schwein ist.

Montage VHS aus MOZ und Werbeflyer
Was mag der Autor dem Auditorium präsentieren im Tucholsky-Museum? Und wie liest man vor, was durch Tachostände eine Einteilung findet? Schritttempo oder wie mit dem SUV im Irrsinn des Verkehrstrubels? Wandererlangeweile muss niemand befürchten. Und zwischendurch gibt’s im Werk einen “Mond” von Matthias Claudius wie zur Rast zwischen lauter Rastlosen.
Bei der letzten Lesung im Tucholsky-Museum saß ein Geflüchteter in den Reihen und nutzte die Gelegenheit, sich nach Hilfen in Rheinsberg und der näheren Umgebung zu erkundigen. Es gab spontane positive Reaktionen. Lesungen sind der Realität eben nicht enthoben, im Fall von Müllensiefen auch inhaltlich nicht. Als Stadtschreiber wird er vermutlich auch etwas über seine Ideen und Inspirationen sagen. Ob er in der Stadt schon auf die wundersame Ähnlichkeit mit dem Prinzen Heinrich angesprochen worden ist? Ob er die Fluchtgeschichte aus der Zeit nach der Französischen Revolution schon gesehen hat, die von Susanne Krell installiert worden ist im Schloss? Und wie hat Müllensiefen selbst es mit dem Satiriker, dem etwas Fremdes anhaftet im Musenhof? Nun konnte man in den Blättern lesen, dass ein hungriger Fleischverwerter investieren wolle unweit der A 24. Zur Einweihung Kressesalat?
