Domenico und Heinrich – zwei Musensöhne. Montage VHS aus MOZ und Werbeflyer
Fügung oder Zufall? In dem Jahr, in dem sich in Rheinsberg alles und noch etwas mehr um Prinz Heinrich dreht, der vor 300 Jahren das Licht der Welt erblickte, kommt Domenico Müllensiefen als Stadtschreiber des Wegs. Auftragsgemäß bleibt er länger als Tages- und Eventtouristen. Und er wird einen Rheinsberger Bogen schreiben. Auch was mit Schweinen wie in seinem jüngsten Roman “Manchmal muss man sich entscheiden”?
Von Volkmar Heuer-Strathmann
In Rheinsberg und Umgebung sind es eher die langen großen Holztransporter, die auffallen. In dem Roman dürfen die Lesenden teilhaben an qualvoll langen Schweinetransporten per LKW auf Autobahnen. Und an Menschenleid. Was leicht zur Kampfschrift für veränderte Ernährung hätte werden können, ist eigentlich ein Familienroman auf Rädern. Sandra fährt Schwein. Mia, ihre TikTok-Tochter, fährt mal mit. Der leibliche Vater ist tot. Auslandseinsatz. Afghanistan. Schrecklich. Der stinkende LKW wird zum zentralen Ort der Handlung. Also auch Parkplätze und Raststätten, Nothaltestellen, Werkstätten und Reinigungsanlagen. Grenzen der Rechtsordnung werden berührt, etwa an Grenzen. Gegenwartsstoff und genug politisch-juristischer Zoff. Mal Menschen mitnehmen? Geflüchtete? Reichlich Kohle machen? Ehe ihnen andere noch Schlimmeres antun? Oma Bärbel ist eigentlich für Mia zuständig. Der sogenannte Osten bietet den Hintergrund. In einem sanftmütigen Pressegespräch erzählt Müllensiefen ein wenig von seinem familiären Hintergrund und dem Leben als Autor in Leipzig. Unter der Hand wird klar, dass die Geschichte keine Allegorie auf die AfD ist und ihre Art, die Wählerinnen und Wähler vor allem im Osten mitzunehmen. Es geht wirklich um Schweine, von irgendwelchen Sauereien mal abgesehen.

Foto: VHS
Müllensiefen ist ursprünglich aus Magdeburg, Jahrgang 1987. Seine Werdegang war wechselhaft. Als Autor ist er erfolgreich. Immer realistisch, immer drastisch. Nur bei jener titelgebenden Entscheidung geht es nicht um Großes oder gar Unlösbares. “Rührei oder gekochte Eier?”, das ist die Frage. Die Klagelieder der armen Schweine bleiben den Lesenden erspart. Da ist Vorstellungsvermögen gefragt. Näher kommt man dem Milieu der Fernfahrer. Endlich beachtet sie mal jemand. Müllensiefen lässt wichtige Sätze sagen: “Auf der Straße kannst du sehen, ob es Deutschland gerade gut geht.” Index rechte Spur. Stau ist natürlich nicht so toll, aber leer bleibende Autobahnen wären schlimmer nach der Lähmung durch die Pandemie – gesamtwirtschaftlich betrachtet. Für zarte Seelen gibt es zum Ausgleich “Der Mond ist aufgegangen…” Mia lässt manchmal an Tschick denken. Aber abgeschrieben wurde gewiss nicht. Und der Schweinetransporter von Wolfgang Herrndorf verunglückt.
Nun also Rheinsberg, nun h300 – sicher eine Herausforderung für einen Realisten, dieses Jubeljahr 2026. Und für das Tucholsky-Museum ein Gewinn! Ob er sich des Mühlendesasters mal annehmen mag ab Mai 2026? Das passende Volkslied gibt’s ja schon. Und Sauereien wohl auch…
