“Und wie komme ich in Rheinsberg zur Domenico-Müllensiefen-Brücke?”

Die Zeit ist rum. Drei Monate Stadtschreiber in Rheinsberg sind vorbei. Und Domenico Müllensiefen hat es geschafft. Der Rheinsberger Bogen 63 lag druckfrisch auf dem Tisch, als Peter Graf als Mitarbeiter des Tucholsky-Museums den Autor den zahlreichen Gästen vorstellte. “Ein Abend am See”, heißt das Werk. Der Experte für romanhafte Tiertransporte und literarische Leichenbeförderung hatte also auf jeden Fall nicht einfach weitergemacht auf der Erfolgsstrecke.

Von Volkmar Heuer-Strathmann

Domenico Müllensiefen wurde hier bereits mit seinem jüngsten Roman vorgestellt. Als er Anfang Mai nach Rheinsberg kam, steckte er eigentlich mitten in mehreren Projekten, wie er freimütig erzählt. Ein Theaterstück ist in Arbeit, eine Kollegin macht mit. Dann eine Filmgeschichte auf der Grundlage seines ersten Romans. Außerdem konzeptionelle Überlegungen zu einem weiteren Roman. Der Lektor sei sogar extra nach Rheinsberg gekommen. Für einen Rheinsberger Bogen war also eigentlich gar keine Zeit. Enttäuschen wollte er allerdings auf keinen Fall. Der gebürtige Sachsen-Anhaltiner, der schon lange in Sachsen lebt, hat einst ein Handwerk gelernt. Ob ihn das so belastbar gemacht hat und so vertragstreu?

Brandenburger Idylle.

Also auf zum See. Die aufmerksam Lauschenden erfuhren einiges über frühere Urlaube in jenem Hafendorf am Rande von Rheinsberg. Wer’s kennt, hat eigene Bilder. Müllensiefen stellt eine Tour mit Fahrrad, Zelt und Zubehör in den Mittelpunkt der Erzählung. Überlebensfragen werden gleich zu Beginn behandelt angesichts der fatalen Fahrweisen auf Asphalt. Das Wort fahrlässig dürften die Brecher falsch verstanden haben. Müllensiefen versteht es, die Menschen mitzunehmen auf dem Rad. Ins Wasser. Ins Zelt. Und zurück in Kindheit und Jugend.
Einmal wird er hochpolitisch. Nicht die Stelle mit dem “braunen Sumpf”. Die andere: Die über das Dorf der Kindheit, über diese “Gegend, die von der Politik vergessen wurde”. Das kann man über Rheinsberg nun wirklich nicht sagen. Die Meldungen über Vorwürfe, Entgegnungen und Verdächtigungn gewisser politischer Akteure überschlugen sich mit zunehmenden Temperaturen. Aber Müllensiefen war wohl nicht danach. Lieber hinein in den Wald. Er mag Einsamkeit. Auf Zeit. Und rund um Rheinsberg mag er’s auch. Schreckensmeldungen aus Leipzig ereilen ihn am 4. Mai. Der Schreck geht vorbei. Der Humor der Eröffnung kommt allerdings nur sporadisch zurück. Dass der Autor so gut ankam, hat sicherlich auch an der Art gelegen, wie er liest und wie er vom Handwerk spricht. Also vom Schreibhandwerk. Er kommt sympathisch daher mit viel Herz und nicht wenig Versand.
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Im Gespräch: Peter Graf und Demenico Müllensiefen.
Fotos: VHS

Und was vorweg soll die Frage nach der Brücke? Müllensiefen hat in Berlin im Brecht-Haus mal den Auftrag bekommen, ein Lesetagebuch zu einem Werk von Willi Bredel zu verfassen. Der Mann war Mitglied im BPRS. Verstand sich proletarisch-revolutionär als Schriftsteller. Den Namen Bredel kannte Müllensiefen nur als Straßenschild. Und seiner? Im Hafendorf, für das er ein bisschen Werbung macht als Stadtschreiber Nr. 63, könnte man doch eigentlich anfangen, seine Bekanntheit zu fördern. Und mit seiner Art, selbsttherapeutisch zu schreiben, wie er an einer Stelle selbst notiert, und sich auf Figuren einzulassen und auf Lebenswirklichkeit, wird er zum Brückenbauer. KI lehnt er kategorisch ab als Schreibhilfe.
Aufhorchen ließ am Ende eine Ankündigung: Es werde im September 2026 ein Tucholsky-Literaturfestival geben, verriet Peter Graf. Wenn man Tucholsky mal braucht, dann kommt er auch…

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