Hochkonzentriert und doch von ungebremster Spielfreude: Dietmar Hiller.
Es war Johann Sebastian Bachs 276. Todestag. Doch das siebte Sommerkonzert der Saison geriet in der erneut sehr gut besuchten Klosterkirche nicht zur tieftraurigen Totenmesse mit dem Organisten Dietmar Hiller aus Berlin. Denn zu seinem mit viel Beifall bedachten Repertoire gehörten auch moderne Klangexperimente. Bedauerlich, wenn man aufgrund von Terminüberschneidungen nur die ersten vierzig Minuten erlebt.
Von Volkmar Heuer-Strathmann
Dietmar Hiller, Jahrgang 1958, ist ursprünglich Musikwissenschaftler. Aber dabei allein sollte es nicht bleiben. Er ließ sich auf das Orgelspiel ein. Mühte sich ab und kam nicht mehr los davon. Sein Brot aber verdiente er einige Jahrzehnte lang primär als Dramaturg am Konzerthaus in Berlin. In Neuruppin kennt man es besser als Werk von Karl Friedrich Schinkel – eben das Schauspielhaus am Gendarmenmarkt. Hiller sieht sich mit seinem Programm “zwischen Liturgie und Weltaustellung”.
Von Kirchenmusikdirektor Matthias Noack erfuhren die Lauschenden vorab, dass mit einer exponierten Liturgie zu rechnen sei, aber nicht im strengen Sinne eines kirchlichen Abendgottesdienstes. Die Erinnerung an die Weltausstellung in Paris im Jahre 1878 gilt nicht dem ersten elektrischen Licht. Der Komponist César Franck zündete andere Wunderkerzen an an der Seine.
“Magnificat tertii toni” von Johann Speth gab es zum Auftakt. Marias Loblied stimmte Hiller selbst andächtig an. Er spielte, er sang. Klosterstimmung, Andachtszeit. Seelenruhe und Glaubenshalt. Feingefühl ließ die Gäste hier noch auf Applaus verzichten. Und Marias Schwangerschaft war ja erst der Anfang. “Ach, was soll ich Sünder machen?” hatte Hiller aus dem breiten Bach-Werk ausgewählt. Schuld, Verweiflung und Verzagtheit klingen anders. Als Orgelgesang gibt’s die wortlose Antwort: “Jesus bleibt mein helles Licht!”

Mit “Drei Interludien” von Wolfgang Thiel wagte sich Hiller dann ans große Kirchenkonzert. Was 1980 in Berlin gegeben wurde mit Orchester, Schlagzeug und Sologesang anlässlich von 50 Jahren Bistumsleben in schweren Zeiten, würde er gerne 2030 neu aufgelegt wissen zum Hundertjährigen – nun im sogenannten wiedervereinigten Berlin. Der große Zuspruch in Neuruppin dürfte ihn ermutigt haben, es zur Not allein zu versuchen mit dem ganzen Auftragswerk. Als Mann aus dem Schinkelhaus in Berlin kann er sich 2031 vielleicht auch gleich vormerken für ein Gastspiel am Ruppiner See. Als der 1781 geborene Neuruppiner vor ganz genau 200 Jahren in Paris weilte, war an Weltausstellungen noch nicht zu denken. Wie mag sich Dietmar Hillers Zugriff auf die “Trois Pièces pour grand orgue“ von César Franck, bestehend aus den Teilen Fantaisie in A-Dur, Cantabile in H-Dur und Pièce héroïque in h-Moll, angehört haben? Heroisch, himmlisch und doch im Glauben dem Herzschlag der Menschen verbunden? Gerade im entfesselt losdampfenden Industriezeitalter?

Fotos: VHS
Am 4. August gibt es in der Klosterkirche “Viel Glück und viel Segen”. Der Organist Thomas Sauer ist zu Gast. Die feierliche Titelzeile verdankt sich einer Entbindung in Dänemark im Jahr 1947 an diesem Augusttag. Dass der kleine Bjarne Hersbo mal Komponist werden würde, war den ersten Schreien vermutlich noch nicht zu entnehmen. Improfreund Sauer weiß sicherlich mehr.
