“Die Nacht des Schicksals” – ein krasser Sommernachtsalptraum in Netzeband

30 Jahre Theatersommer, 20 Jahre Masken- und Synchrontheater in Netzeband und nun das Ende der Erfolgsgeschichte? Niedergang statt Überschwang? Denn eine kapitalkräftige Investorengruppe will aus dem Gutspark in Netzeband eine Freizeitoase machen. Ohne Barrieren, kinderfreundlich und mit Erlebnisgarantie. Leicht online zu buchen. Wie sollte solch eine Macht aufzuhalten oder gar zurückzuschlagen sein in Netzebands Musiktheaterwelt? Medienmenschen hatten schon bei einer Lichtprobe die Gelegenheit, das Operndrama zu erleben. Die Premiere ist am 31. Juli um 20.30 Uhr.

Von Volkmar Heuer-Strathmann

Kein Geringerer als Bertolt Brecht könnte Pate stehen mit seinem Erfolgsdrama “Der gute Mensch von Sezuan”. Kapitalismus, klug verpackt. Profitstreben, putzig angepackt. Aber Frank Matthus und Axel Poike flüchten nicht in die Parabelwelt. Ihr Werk hat ganz unterschiedliche Seiten. Sie setzen dabei in Netzeband selbst an. Historisch, geografisch, künstlerisch. Der Satz dieser Nacht: “Die Erde hat hier eine Seele!”
Grabkreuze stehen für Menschen vergangener Tage. Und für Produktionen der letzten Jahre. Die Unterwelt öffnet sich. Die Toten begehren auf gegen den Flachmann aus der Marketingwelt mit seinen Phrasen und Schlagworten und gegen die Medienassistentin aus der Puppenstube der stupiden Instakanäle. Es kommt zu Konflikten. Der erste Spatenstich geht in’s Herz der Betroffenen. Nur “Milchwald” wäre natürlich bisschen wenig. Deshalb greifen die Macher ins Gebeinhaus der Opernwelt und lassen Arien erklingen. Es gibt Rockmusik und Schlager. Schließlich soll ein Sängerwettstreit entscheiden – ein Format, das auch Juroren ins Rampenlicht rückt, hier aus Mozarts “Zauberflöte”.

Wenn die Toten aufbegehren gegen die Charaktermasken des Kapitals.

Schon bei der Lichtprobe hinterließ das wagemutige Operndrama tiefen Eindruck. Wer diese Art Maskenspiel mit Synchronstimmen eher kritisch sieht, wird durch Komik, Drastik und Dynamik reichlich entschädigt, ganz abgesehen von der Wirkmächtigkeit dieser Köpfe.
An der Produktion sind sehr viele Menschen beteiligt. Der Friedhofsgärtner behält zum Glück den Überblick. Cornelia Jahr spielt, Frank Matthus gibt Stimme. Eine gewisse Anna Meyer aus dem 18. Jahrhundert findet besondere Beachtung. Mira Zehse mimt die Geplagte aus Netzeband mitten im Felde. Stefan Schreiber wütet als CEO, als es nicht gleich zum ersten Spatenstich kommt. Den erregten Ton liefert Francis Meier. Ein Tanzensemble der Jugendmusikschule fasziniert durch Totentänze voller Lebendigkeit. Das Geld wird Figur, eine Eiche darf nicht fehlen, dann die Königin der Nacht, ein Ritter, Fausts Helena, Arbeiter, Demonstranten, der Wahnsinnsprinz von Homburg von Kleist und und und

Raus aus dem kühlen Grab, rein in das hitzige Leben von Netzeband…
Fotos: VHS

Der Flyer zum Stück bietet allen Interessierten weit mehr als das Übliche. Man hält auch Rückschau. Und hat noch viel vor. Die Unterstützenden werden natürlich auch genannt. Zum ersten Mal vollständig im Licht der tragischen Nacht versammelt, war allen Agierenden anzumerken, wie leidenschaftlich sie dabei sind und welchen Wert Kunstprojekte dieser Art haben. Ein Riesenerfolg bei den einzelnen Aufführungsterminen bis zum 29. August 2026 ist dem Ensemble zu wünschen. Zahlen zählen, auch wenn die freie Kunst nie allein darin aufgeht. Ein Ruf liegt über der Region: “Kommt heraus!”

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