“Eine sehr berührende, aber auch sehr bedrückende Lektüre!”

Die Schriftstellerin Yvonne Zitzmann war mit ihrem Roman “Die geteilte Schuld” zu Gast in der Fontane-Buchhandlung. Im Auditorium fast nur Frauen. Dabei ist das Buch, das nur Tote kalt lassen dürfte, vor allem ein Männerbuch. Da mag die Angst, in den Spiegel schauen zu müssen, groß sein.

Von Volkmar Heuer-Strathmann

Jana Kolar macht als Gastgeberin einleitend klar, dass sie gezögert habe mit der Lektüre. Schon wieder eine Kranführerin? Schon wieder Sozialismus auf ostdeutsche Art? Dann aber… Und das Fazit: “Eine sehr berührende, aber auch sehr bedrückende Lektüre!”
Der Stoff wurde hier bereits vorgestellt. Also weiter. Yvonne Zitzmann bot keine Lesung, die vor allem eins im Sinn hat: zum Kauf zu motivieren, egal wie. Die gebannt lauschenden Gäste sehen schon zu Beginn (im Geiste) auf das Baby, das weggegeben werden soll. Oder besser: abgelegt. Nach einem Kissen war schon gegriffen worden. Davon las sie später. Zwei Paare, viel Liebe oder Verliebtheit, zwei Systeme, paar Jahrzehnte, aber “nur” ein Problem: Wohin mit dem Kinde? Wie im Roman werden die Rezipierenden nicht geschont. Sie fliegen mit durch den Himmel der Verliebtheit, sie knallen gegen die Wand der Alltäglichkeit. Die Stimmung bei Fontane wirkt angespannt. Das ist ein sehr gutes Zeichen. Heiterkeit wäre das Letzte.

Schonungslos, wenn es um Elternschaft geht: Yvonne Ziitzmann.
Fotos: VHS

Autofiktional kommt heute vieles daher. Yvonne Zitzmann erläutert, was sie selbst als Mutter erleben musste auf Jobsuche. Dass sie Markus, den Buchvater von Baby Jean, nicht leiden kann, erwähnt sie. Und erläutert, wie sie wieder Lust bekam, über ihn weiterzuschreiben. Da gab’s vereinzelt Gelächter. Dass Markus und Mischa nicht reduzierbar sind auf das flache Klischee “Mann”, macht eine Stärke des Buches aus. Musik macht der eine nach der Arbeit, was mit Medien der andere bei der Arbeit. Markus mag Kinder, grundsätzlich. Er hat schon zwei. Sascha mag Menschen. Also prinzipiell. Briefe gehen hin und her zwischen Tina und Mischa, als man noch Füller oder Stift hatte. Und Zeit. Zitzmann liest hier mit mehr Gefühl als bei den Kurznachrichten zwischen Markus und Katja per Smartphone. Es ist zu spüren, dass der Stoff Teil ihres Lebens ist. “Wurmbefall” ist so ein Wort, das sich einprägt. Wurm? Es geht um einen Säugling. Auch kein schönes Wort. Es geht um ein Baby. Reklamejargon. Also ”Wurm” und nichts sonst. Es geht um jeden von uns. Das ist das Großartige an diesem Roman.

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