Debatte: Energiewende neu denken- zwischen Kostendruck und Klimaveranwortung


Die Energiewende muss neu gedacht werden – nicht als Bremse, sondern als Beschleuniger für Wohlstand, Unabhängigkeit und Klimaschutz. Freie Marktkräfte allein reichen nicht aus, um Klimaneutralität zu erreichen – der Staat muss lenkend eingreifen und klare Leitplanken setzen. Stadtwerke, wie die in Neuruppin, tragen dabei besondere Verantwortung: Sie gestalten die lokale Energiewende aktiv mit und unterstützen die Stadt auf ihrem Weg zu mehr Nachhaltigkeit.

Von: macron

Im aktuellen IHK-Magazin fordert der Geschäftsführer der Neuruppiner Stadtwerke, Thoralf Uebach, die Energiewende müsse „neu gedacht“ werden. Sein Appell spiegelt die Sorgen vieler Brandenburger Unternehmen wider: hohe Strompreise, wachsende Bürokratie, drohende Produktionsverlagerungen und der Verlust an Wettbewerbsfähigkeit. Tatsächlich sieht sich die Wirtschaft mit massiven Kostensteigerungen konfrontiert – doch die Ursachen liegen komplexer, als es auf den ersten Blick scheint.

Zwar sind die Energiepreise hoch, aber nicht die Erneuerbaren treiben sie, sondern die fossilen Energieträger. Im europäischen Strommarkt bestimmt das teuerste erforderliche Kraftwerk – meist ein fossiles – über das sogenannte Merit-Order-Prinzip den Strompreis. Das heißt: Gas- oder Kohlekraftwerke legen die Preismarke fest, auch wenn der Großteil des Stroms aus erneuerbaren Quellen stammt. Je schneller ihr Anteil sinkt, desto stärker kann auch der Strompreis entlastet werden (vgl. 100 % Renewables Action Plan, S. 14ff) (Heinrich Böll Stiftung Brussel).

Ein zügiger Ausbau der Erneuerbaren ist damit nicht nur klimapolitisch, sondern auch ökonomisch sinnvoll. Wer den Preisdruck auf Unternehmen verringern will, muss den Anteil fossiler Energien konsequent reduzieren – nicht die Transformation abbremsen.

Von Maimaid – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0,Thomas Schütte Vater Staat

Marktkräfte allein reichen nicht – der Staat muss lenken

Die Idee, den Umbau des Energiesystems stärker über Marktmechanismen zu steuern, hat ihren Reiz: Sie kann Flexibilität fördern und Bürokratie verringern. Doch die wissenschaftliche Literatur und praktische Erfahrungen zeigen klar, dass freie Marktkräfte bei weitem nicht ausreichen, um Klimaneutralität zu erreichen — der Staat muss gezielt intervenieren.
In der ökonomischen Theorie gilt Klimawandel als klassisches Marktversagen: negative externe Effekte (z. B. CO₂-Emissionen) werden von den Marktakteuren nicht internalisiert, solange sie keinen Preis haben. Deshalb ist staatliche Regulierung notwendig, um diese externalen Kosten zu berücksichtigen und Anreize zur Emissionsreduktion zu setzen (z. B. durch CO₂-Steuern oder Emissionshandel) (vgl. LSE Explainer: Why do economists describe climate change as a market failure) (LSE).
Darüber hinaus identifizieren neuere Studien sogenannte Innovations-Marktversagen — etwa Know-how-Transfer, hohe Anfangsinvestitionen, Finanzierungsbarrieren und Koordinationsprobleme — als Hindernisse für klimarelevante Technologiedurchbrüche. In solchen Fällen sind öffentliche Förderung, gezielte Investitionen und regulatorische Impulse unerlässlich (vgl. Innovation Market Failures and the Design of New Climate Policy, Armitage et al.) (NBER).
Eine aktuelle Analyse des Fraunhofer ISE über Pfade zu einem klimaneutralen Energiesystem betont, dass Szenarien ohne beschleunigten Netz- und Infrastrukturausbau, ineffiziente Genehmigungsverfahren und fehlende politische Steuerung deutlich höhere Kosten und Risiken aufweisen (Modell REMod) (Fraunhofer ISE). In diesen Modellen wird deutlich: Staatliche Steuerung, klare Leitplanken und infrastrukturelle Maßnahmen sind notwendig, um technisch und wirtschaftlich tragfähige Transformationspfade zu realisieren (z. B. durch beschleunigte Genehmigungen) (Fraunhofer ISE).
Auch Berichte zur regionalen Transformation in Deutschland fordern ausdrücklich den Ausbau von Strom- und Wasserstoffnetzen – ohne staatliche Koordination läuft dieser Ausbau zu langsam, um die Erneuerbaren sinnvoll zu integrieren (Clean Energy Wire).
In Summe ergibt sich: Der Staat darf sich nicht zurücklehnen – er muss als Lenker, Impulsgeber und Koordinator auftreten, um Marktmechanismen zu ergänzen und die Krise der Klimatransformation zu steuern.

Peter Buggehout, Babel Variationen II, 2025, mixed material Skulpturenpark Waldfrieden, Wuppertal
Foto: macron

Technologieoffenheit – ja, aber mit Prioritäten

Neue Technologien wie Wasserstoff oder CO₂-Speicherung müssen Teil der Energiewende sein. Doch Technologieoffenheit darf kein Vorwand sein, bewährte regenerative Energien auszubremsen. Der schnellste und günstigste Weg zu sauberem Strom bleibt der Ausbau von Wind- und Solarenergie.
Die Studienlage ist eindeutig: In Szenarien mit beschleunigtem Ausbau erneuerbarer Technologien schneiden Transformationspfade günstiger ab. Der Umbau zu einem erneuerbaren System senkt langfristig Betriebskosten und stärkt Energieautonomie. Das Fraunhofer ISE betont die Rolle von Flexibilitätsoptionen, Effizienzmaßnahmen und digitalen Lösungen, um variable Erzeugung zu integrieren (Fraunhofer ISE).
Analyse zur flexiblen Elektrifizierung zeigen beispielsweise, dass anpassbare Nachfrage in Wärme, Elektromobilität oder Industrie helfen kann, Spitzenlast und Überschussproduktion zu reduzieren – eine Schlüsselrolle bei der Integration schwankender Erneuerbarer (arXiv).

Bürokratie abbauen – eine Notwendigkeit, aber kein Ausstieg aus Verantwortung

Uebachs Kritik an überbordender Bürokratie ist berechtigt. Komplexe Berichtspflichten, lange Genehmigungsverfahren und uneinheitliche Vorschriften verzögern Investitionen und blockieren Innovation. Ein Abbau von Bürokratie ist daher dringend nötig – allerdings nicht, um staatliche Steuerung aufzugeben, sondern um sie effizienter und zukunftsfähiger zu gestalten.
Gerade kommunale Energieversorger wie die Stadtwerke Neuruppin tragen hier besondere Verantwortung. Sie sind nicht nur Versorger, sondern Projektentwickler der lokalen Energiewende. Mit Investitionen in erneuerbare Energieanlagen, effizientere Netze und innovative Wärme-Konzepte können sie die Stadt in ihrem Nachhaltigkeitsprozess konkret unterstützen. Im Rahmen des zu erarbeitenden Nachhaltigkeitskonzepts der Stadt Neuruppin sind die Stadtwerke Partner der Kommune, Wirtschaft und Bürgerschaft – eine Schnittstelle, an der wirtschaftliche Vernunft und ökologische Verantwortung zusammengeführt werden können.

Realismus statt Rückschritt – in die Zukunft investieren

Wenn Deutschland wettbewerbsfähig bleiben will, darf es nicht auf fossile Strukturen setzen. Hohe Energiepreise sind kein Argument gegen Klimaschutz – sie sind eine Folge unvollendeter Transformation.
Die Energiewende muss tatsächlich neu gedacht werden – nicht als Bremse, sondern als Beschleuniger für Wohlstand, Unabhängigkeit und Innovation. Nur wenn fossile Kostenfaktoren sinken, die Bürokratie schlanker wird und der Staat kluge Leitplanken setzt, kann Energie in Deutschland wieder bezahlbar und zugleich klimafreundlich werden.

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Ein Kommentar

  1. Kommentar: „Mehr Wohlstand“ – ein gefährlicher Selbstbetrug

    Wenn Thoralf Uebach fordert, die Energiewende müsse „neu gedacht“ werden – als Beschleuniger von Wohlstand, Unabhängigkeit und Klimaschutz –, dann klingt das modern, aber es bleibt im alten Denken gefangen. Denn mehr Wohlstand ist mit echtem Klimaschutz nicht vereinbar.

    Die Vorstellung, wir könnten unsere Lebensweise, unseren Energiehunger und unseren Konsum einfach auf erneuerbare Quellen umstellen und so weitermachen wie bisher, ist ein gefährlicher Selbstbetrug. Auch Windräder, Solarmodule und Batterien brauchen Rohstoffe, Flächen und Energie. Sie sind keine Lizenz zum Weitermachen, sondern Werkzeuge für eine tiefere Veränderung.

    Gerade Stadtwerke wie die in Neuruppin tragen hier eine besondere Verantwortung. Sie sind keine gewöhnlichen Energieversorger, sondern öffentliche Unternehmen, die Gemeinwohlinteressen vertreten sollen. Wer die lokale Energiewende ernst meint, muss nicht nur technisch, sondern auch kulturell umsteuern: weg von der Wachstumsideologie, hin zu einem neuen Verständnis von Lebensqualität – mit weniger Verbrauch, aber mehr gemeinschaftlicher Intelligenz, regionaler Wertschöpfung und echter Nachhaltigkeit.

    „Energiewende neu denken“ heißt also nicht: alte Wirtschaftslogik grün anstreichen. Es heißt: den Mut haben, Wohlstand anders zu definieren – jenseits von immer mehr, hin zu einem genug.

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