Unterwegs in Neuruppin.
Im Zusammenhang mit dem Gedenken an den Mauerbau am 13. August vor exakt 65 Jahren in Ostberlin hat die FDP eine Namensdebatte angestoßen. In Brandenburg, so die Landespartei, die nicht mehr im Landtag vertreten ist, werde immer noch durch Straßen, Gassen und Plätze an SED-Politiker wie Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl erinnert, obwohl diese in voller Verantwortung am Aufbau der SED-Diktatur mitgewirkt hätten. Ilko-Sascha Kowalczuk geht noch weiter zurück in der Kritik an falschem Heldengedenken.
Von Volkmar Heuer-Strathmann
In Neuruppin findet man die Otto-Grotewohl-Straße unweit des REIZ. Informationen werden nicht gegeben über den ersten Ministerpräsidenten der DDR. Das Amt hatte er von 1949 bis zu seinem Tod im Jahr 1964 inne. Dem Politbüro der SED gehörte er ebenfalls an. Ob die angestoßene Namensdebatte aufgegriffen wird in Neuruppin und Umgebung?
Ilko-Sascha Kowalczuk packt in seinem jüngsten Werk mit dem Titel “Faschismus ist keine Meinung” auch Fragen der Erinnerungskultur in der DDR an. Im Visier: Ernst Thälmann. Verbrechen der Nazis wie die Ermordung des Kommunisten im KZ Buchenwald in Jahr 1944 werden dabei nicht etwa vergessen. Im Fokus: der weit ausgreifende Thälmann-Kult in der DDR. Sein Pausenbrot soll der Ernst ja schon mit ärmeren Kindern geteilt haben. Der Historiker und Ulbricht-Biograph nennt Thälmann “Stalins Mann in Deutschland”. Ein “Sowjetdeutschland” habe der moskautreue Kommunist, der ursprünglich zunächst in der USPD aktiv gewesen war, schaffen sollen. Das erledigten dann andere, ab Sommer 1961 eingezäunt und eingemauert.

Mit dem unübersehbaren Thälmann-Denkmal in Ostberlin war in der DDR eine staatlich initiierte Verehrung verbunden. Dazu die Jungen Pioniere. Und eben die Straßennamen, die Medaillen, die Festakte. Und der vertraute Name “Teddy”. Im näheren Umkreis von Neuruppin gibt es eine Ernst-Thälmann-Straße in Lindow, in Wildberg und in Wustrau. In diesem Ortsteil von Fehrbellin hat sie sogar den Charakter einer langen Hauptstraße. Eine Ernst-Thälmann-Schule gibt es in Neuruppin selbst nicht mehr. Gab es aber zeitweise.

Ginge es nach Kowalczuk, würde man das bombastische Denkmal im Stadtteil Prenzlauer Berg in Berlin nicht in die Luft sprengen, sondern ganz allmählich zuwachsen lassen. Oder auf den Kopf stellen. Straßen und Plätze im Osten sollte man seines Erachtens unbedingt umbenennen. Die Hinweise auf Verfehlungen des immer noch Geehrten können hier nicht überprüft werden, soweit es um Privates geht oder Persönliches in NS-Haftzeit. Erwähnt sei aber, was Kowalczuk über das Ende der Weimarer Republik schreibt: “Die KPD war unter Thälmann zu einem maßgeblichen Totengräber der ersten deutschen Demokratie geworden.“ Auf die verheerenden Folgen der These vom “Sozialfaschismus” wird angespielt. Später kritisiert der Autor die Variante des “Antifaschismus” in der DDR, die ökonomistisch beschränkt blieb und sich klischeehaft antikapitalistisch auch aus Antisemitismus speiste.

Fotos: VHS
Ilko-Sascha Kowalczuk werde noch in diesem Jahr in Neuruppin zu Gast sein mit seinem Werk zur Faschismusgefahr, heißt es aus gut informierten Kreisen. Wann und wo das sein soll, wird hier früh genug zu erfahren sein. Eine Adresse wie August-Bebel-Straße dürfte keine Aversionen wecken beim Autor. Fragen der Erinnerungskultur führen angesichts der Programmatik der AfD mitten hinein in die Debatten der Gegenwart. Ob die Völkischen in ihren Kurswechsel in der Erinnerungspolitik in Ostdeutschland auch belastete DDR-Volkshelden wie Grotewohl und Thälmann einbezögen?







