Ein Blick auf das “Radier”-Werk und paar Gegenbeispiele.
“Ausradiert?” hat Carsten Gansel sein Werk über die Literatur der DDR und die Art, wie sie seiner Meinung nach verschwand, überschrieben. Das Fragezeichen lässt vieles offen. Anders die Einführung, die ist vermutlich im Rausch der Entrüstung geschrieben worden: “Die Ostdeutschen haben es bis in die Gegenwart mit Vorgängen von Auslöschung und Delegitimierung des eigenen Daseins zu tun.” Auslöschung? Da hätte die Löschtaste geholfen.
Von Volkmar Heuer-Strathmann
Im Feuilleton der OAZ wird ein Loblied gesungen auf Gansels Abrechnung. In der MOZ bringt ein Gespräch mit Christina Tillmann Licht in die Angelegenheit. “Ausradiert” meine, so der Autor, neben der Entsorgung auch die Um- und Abwertung von Literatur, die nach simplen Kategorien wie ‘staatsnah’ und ‘staatsfern’ beurteilt werde.
Staat steht hier für die im Oktober 1949 gegründete DDR. Die federführende SED ist demnach 1946 aus der Vereinigung von KPD und SPD hervorgegangen. Das Wort “Zwangsvereinigung” fällt nicht. Die Formel von der “Diktatur des Proletariats” auch nicht. Die Befreier und Besatzer wirken bald wie Freunde, aber die harte Auflage der Reparationen wird nicht unterschlagen.
Carsten Gansel, 1955 in Güstrow geboren, folgt den guten Gründen für die Begründung einer anderen Gesellschaftsform als ehedem, also vor dem 30. Januar 1933. Kapitalismus und bürgerliche Formaldemokratie gälte es endlich zu überwinden. Der Antifaschismus versteht sich aus der Gegnerschaft zu den Nationalsozialisten fast von selbst, erst recht angesichts von massenhafter Verfolgung, Vertreibung und Ermordung von Kommunisten, Sozialisten und Sozialdemokraten.
Wer vieles von Christa Wolf oder ihr politisch Nahestehenden gelesen hat, erkennt vieles wieder. Das reicht bis in die Debatten hinein um die Reform der DDR im Herbst 1989. Bloß dem Geltungsbereich des Bonner Grundgesetzes beitreten? Die Minimallösung. Sie kam. Mit Macht. Und Geld. Allerdings auch mit dem Prinzip der Kulturhoheit der Bundesländer. Und davon ist bei Gansel kaum die Rede. Er knüpft an ans Feuilleton. Herabwürdigende Artikel in der FAZ über die DDR-Literatur waren demnach der Auftakt im Jahr 1990, Ausradierung war die Folge, sukzessive und subtil.
Dem setzt Gansel sein Bild der DDR-Literatur und ihrer Entwicklung entgegen. Von den “Fundamenten” der sozialistischen Gesellschaft über den “Aufbau” und die “Ankunft” bis zur “Auseinandersetzung”. Das Wort vom “Störfall” knüpft nicht an Christa Wolfs gleichnamiges Werk an. Die “Störungen” durch Literaten liegen jenseits von “Verrat” und “Verheißung”. Für Gansel eine Gratwanderung. Es lohnt sich, seine kunstvollen Tänze durch die Literaturlandschaft zu lesen. Von Gansel selbst sind 40 Beiträge, Werke oder Herausgeberschaften im Anhang aufgelistet, Coautorschaft noch nicht mal mitgezählt. Das wirkt kompetent. Oder von Komplexen geprägt? Immerhin hat er es ja geschafft, an der Universität in Gießen, also in Hessen, Karriere zu machen.

Fotos: VHS
Schauen wir mal auf einen Literaturpädagogen in der BRD, kurz LPG. Nur ein Beispiel, nichts Repräsentatives. Seine Deutschlehrerin, die ihre Wurzeln in der DDR lieber verschweigt, liest 1970 mit ihren Zöglingen im 12. Jahrgang in einem Gymnasium in Ost-Friesland “Die Aula” von Hermann Kant. “Nachdenken über Christa T.” von Christa Wolf empfiehlt sie ausdrücklich als Privatlektüre. Wenn beschaffbar. Der heranreifende LPG wird darüber 1977 seine Examensklausur in Germanistik schreiben. Im Studium gab’s zuvor ein Hauptseminar über DDR-Literatur, Schwerpunkte waren der “Bitterfelder Weg” und der tragische Fall “Werther”. LPGs Beitrag hatte das Thema: “Kafka-Rezeption in der DDR”. Es ging um den Hyperstaat und die Entfremdung. Als LPG wird er nach 1990 “Die Geschwister” von Brigitte Reimann in der Oberstufe zum Lesestoff machen, ebenso “Der geteilte Himmel” von Christa Wolf, beides zwei-, dreimal. Gemischte Resonanz, breit gestreute Leistungen.
Das 2006 eingeführte Zentralabitur beschenkt ihn und die Zöglinge in Niedersachsen irgendwann mit Uwe Johnsons “Ingrid Babendererde – Reifeprüfung 1953”, es gibt bald im Abi moderne Lyrik von Peter Huchel oder Guntram Vesper und es ergaben sich, so der LPG, gute Gelegenheiten, auch in mündlichen Prüfungen, um mit Bettina Wegner an die “Weggegangenen Freunde” zu erinnern oder Kurzes von Eva Strittmatter, Wolf Biermann, Günter Kunert, Reiner Kunze, Uwe Kolbe und Sarah Kirsch in die Sinnsuche einzuflechten. Oder Bertolt Brecht, auch den DDR-Brecht, nicht nur mit seinem Scherz zum 17. Juni 1953.
Was beweist das? Nichts. Allenfalls, dass von flächendeckender Ausradierung keine Rede sein kann. Aber von Trends. Da mag die Empfehlungsliste von Gansel helfen, ebenso die im Verlauf des Mammutessays fallenden Hinweise auf einzelne Werke. Dass der Name Eva Strittmatter nicht erwähnt wird, verwundert zunächst. Aber der Grund könnte darin liegen, dass ihre Erfolgsgeschichte der Kernthese des Verfassers entgegensteht – im deutschsprachigen Raum. Gesammelte Gedichte statt vergessene Verse. Erwin, den Pascha, könne man vergessen, das wäre als Statement wirklich zu wenig. Über Gansels stark verengten Blick auf die Literatur der sogenannten BRD einschließlich Westberlin wäre auch viel zu sagen. Aber wen interessiert das, was da mangelhaft ist, etwa im Hinblick auf Wolfgang Borchert? Soll das und noch mehr Fehlendes dann etwa wieder der polytechnischen Oberschule in der DDR angelastet werden?
