CSD in Rheinsberg: Hunderte setzen Zeichen für Vielfalt und Demokratie

Mit mehreren hundert Teilnehmenden hat der Christopher Street Day (CSD) am Samstag Rheinsberg in ein buntes Meer aus Regenbogenfarben verwandelt. Begleitet vom Demokratiebus des Zentrums für Politische Schönheit zog der Demonstrationszug vom Bahnhof durch die Stadt bis zum Triangleplatz. Unter dem Motto „300 Jahre queeres Rheinsberg“ verband die Veranstaltung aktuelle Forderungen nach Gleichberechtigung mit einem Blick auf die Geschichte der Stadt.

Von macron

Schon am Bahnhof wurde deutlich, dass der CSD längst mehr ist als eine Demonstration für die Rechte queerer Menschen. Familien, Jugendliche, ältere Menschen und Gäste aus der gesamten Region schlossen sich dem Zug an. Musik, Fahnen und kreative Kostüme sorgten für eine fröhliche Atmosphäre, während die Teilnehmenden zugleich ein deutliches politisches Signal gegen Ausgrenzung und Diskriminierung setzten.

Queere Geschichte als Teil Rheinsbergs

Das Motto des diesjährigen CSD bezog sich auf die Zeit der preußischen Prinzen Friedrich und Heinrich, die vor rund 300 Jahren eng mit Rheinsberg verbunden waren. Friedrich, der spätere König Friedrich II. („Der Große“), lebte von 1736 bis 1740 auf Schloss Rheinsberg. Gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Heinrich machte er den Ort zu einem Zentrum von Kultur, Philosophie und Aufklärung.

Besonders Prinz Heinrich gilt heute vielen Historikerinnen und Historikern als eine bedeutende Figur queerer Geschichte. Er blieb zeitlebens kinderlos und führte eine unglückliche Ehe, während zahlreiche Quellen auf enge emotionale Beziehungen zu Männern hinweisen. Auch bei Friedrich II. wird seit langem über seine sexuelle Orientierung diskutiert. Der CSD knüpfte an diese historischen Debatten an und stellte die Frage, wie queere Biografien sichtbar gemacht und Teil einer lebendigen Erinnerungskultur werden können.

Der Demostrationszug auf dem Weg vom Bahnhof zum Triangleplatz
Video: macron

Sichtbarkeit und Solidarität

Auf dem Triangleplatz standen nach der Demonstration mehrere Redebeiträge im Mittelpunkt. Für ESTAruppin sprach Marie-Luise Langenberg. Sie stellte den Gedanken der Sichtbarkeit in den Mittelpunkt ihrer Rede. Der CSD sei wichtig für Menschen, die sich bislang nicht trauten, offen zu ihrer Identität zu stehen, für junge Menschen, die Angst vor Ausgrenzung hätten, und für alle, die aufgrund ihres Andersseins bewertet würden. Vielfalt sei keine Bedrohung, sondern eine Bereicherung für die Gesellschaft. Rheinsberg müsse ein Ort bleiben, an dem Menschen unabhängig von Herkunft, Geschlecht, sexueller Orientierung oder Lebensweise willkommen seien.

Darüber hinaus verwies sie auf die Arbeit von ESTAruppin in der Kinder- und Jugendhilfe. Junge Menschen bräuchten sichere Räume, verlässliche Beziehungen und echte Teilhabe. Mit dem KulturBus und der künftigen Wiederbelebung des Pavillons als Kinder- und Jugendfreizeitzentrum solle genau dies gestärkt werden. Ihr Appell lautete: sichtbar bleiben, solidarisch bleiben und Vielfalt als gesellschaftliche Stärke begreifen.

Kritik an fehlenden Räumen für Jugendliche

Deutlich politisch fiel auch die Rede von Eva Luise Schulze aus. Sie schilderte die Herausforderungen, denen junge Menschen im ländlichen Raum begegnen. Besonders queere Jugendliche erlebten häufig Einsamkeit, Ausgrenzung und das Gefühl, sich ständig anpassen zu müssen. Schulze kritisierte die Schließung des Pavillons und sprach von einem jahrelangen Kampf um Jugendräume in Rheinsberg. Sichtbarkeit brauche Orte, an denen Menschen sich treffen, organisieren und gegenseitig unterstützen könnten. Der Erhalt und die Schaffung solcher Räume seien deshalb auch ein Beitrag zur Demokratie und zur Stärkung einer offenen Gesellschaft.

Entscheidend ist eine klare Haltung gegen Menschenfeindlichkeit, Pfarrerin Anna Ferrario

Die Kirche hat in der Vergangenheit viel Schuld auf sich geladen

Pfarrerin Anna Ferrario sprach über die Verantwortung der Kirchen im Umgang mit queeren Menschen. Die Kirche habe in der Vergangenheit Schuld auf sich geladen – durch Ausgrenzung, verletzende Worte und theologische Positionen, die Menschen klein gemacht und ihnen ihre Würde abgesprochen hätten.

Gleichzeitig machte sie deutlich, dass Aufarbeitung allein nicht ausreiche. Entscheidend sei heute eine klare Haltung gegen Menschenfeindlichkeit und für eine Gesellschaft, in der Menschen unabhängig von ihrer Identität angenommen werden. Der CSD sei deshalb weit mehr als ein Fest: Er sei sichtbarer Mut, Erinnerung an Widerstand und ein Zeichen dafür, dass Menschenwürde und Liebe nicht verhandelbar seien.

Mit einer persönlichen und zugleich humorvollen Einladung verwies Ferrario auf den von ihr betreuten Stand beim CSD. Dort bot sie sogenannte „Glitzersegen“ an – für Freundschaften, Familien, Beziehungen, neue Lebensabschnitte oder persönliche Herausforderungen. Die Botschaft dahinter war einfach: Jeder Mensch ist willkommen, wertvoll und gesegnet.

Vor der Regenbogenflagge auf der Bühne des CSD Rheinsberg erinnerte Christoph Martin Vogtherr daran, dass Vielfalt seit Jahrhunderten Teil der Geschichte des Ortes ist.
Fotos: macron

Schloss als Symbol für Vielfalt

Einen historischen Bogen spannte Christoph Martin Vogtherr von der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg. Er erinnerte daran, dass Demokratie von Vielfalt und Respekt lebe und diese Werte immer wieder neu verteidigt werden müssten. Rheinsberg könne dabei auch auf seine eigene Geschichte verweisen. Das Schloss sei von zwei Brüdern geprägt worden, die heute vielfach als Teil queerer Geschichte betrachtet würden. Zugleich erinnerte Vogtherr daran, dass Rheinsberg bereits im 18. Jahrhundert ein Ort gewesen sei, an dem Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammenlebten – unter anderem französische Flüchtlinge, die hier Aufnahme fanden. Vielfalt sei daher kein neues Phänomen, sondern seit Jahrhunderten Teil der Identität Rheinsbergs.

Deutliches Zeichen gegen Ausgrenzung

Der CSD 2026 machte deutlich, dass die Debatte um Vielfalt, Akzeptanz und gleiche Rechte längst auch im ländlichen Raum angekommen ist. Die hohe Beteiligung zeigte, dass viele Menschen bereit sind, öffentlich für eine offene Gesellschaft einzutreten. Zwischen Schlossgeschichte, politischen Forderungen und kulturellem Programm entstand so ein Tag, der Vergangenheit und Gegenwart miteinander verband – und Rheinsberg für einige Stunden zu einem sichtbaren Ort gelebter Vielfalt machte.

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