Neuruppiner Militärlehrjahre des jungen Carl von Clausewitz

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Dass der Militärstratege Carl von Clausewitz um 1795 in Neuruppin bei der 34. Garnison Dienst tat, kann man Brigitte Meiers Werk “Fontanestadt Neuruppin” entnehmen. 1792 war der gebürtige Burger im Alter von nicht ganz zwölf Jahren angetreten. Nicht wenige preußische Generäle, das weiß man heute, begannen ihre Karriere in ganz jungen Jahren.

Von Volkmar Heuer-Strathmann

Mit seiner Schrift “Vom Kriege” (1832) sollte Carl von Clausewitz posthum weltberühmt werden. In der Clausewitz-Biografie des Politologen Dietmar Schössler wird besonderes Augenmerk auf die Neuruppiner Jahre gelegt. Es waren – mit Unterbrechungen – insgesamt immerhin neun. Die Teilnahme an der Mainzer Belagerung mit miltärischen Mitteln im Jahre 1793 gehörte auch dazu. Der Gang nach Neuruppin, der Abschied von den Eltern, all das wird in einem Brief Jahrzehnte später als schwere Stunde mit Nachwirkung beschrieben. Materielle Gründe dürften kaum ins Gewicht gefallen sein bei dieser elterlichen Maßnahme. Eher ein gewisser Ehrgeiz des Vaters.
Schössler überrascht die Fachwelt noch mit einem anderen Aspekt. Womöglich habe der Knabe gewusst, dass sein Geburtsdatum nicht korrekt angegeben war: Juni statt Juli 1780. Ein Täuschungsmanöver? Das Datum könnte wichtig gewesen sein, um die Kasernentür für das Kind zu öffnen. Ebenso die Tatsache, dass sein älterer Bruder Wilhelm Benedikt bereits in Neuruppin war. Dass der Adelsrang derer von Clausewitz hätte hinterfragt werden können, ist ein weiterer Denkanstoß Schösslers. Erst 1827 wurde die Sache besiegelt. Der unbändige Ehrgeiz des Knaben in strategischen Fragen, nicht im Gemetzel, könnte im Neuruppiner Zwielicht eine Wurzel haben.

Belagerung der von französischen Truppen eingenommenen Stadt Mainz.
Quelle: Wikipedia

Schössler schreibt, Carl sei nach dem Mainzer Einsatz und einem Schulungsimpuls unweit von Osnabrück nun in Neuruppin zum Autodidakten geworden. Es habe eine Kooperation des Militärs mit dem nach der Feuerkatastrophe von 1787 neu errichteten Wilhelmsgymnasium gegeben. Bildung und Ausbildung gerieten in den Fokus, die “Blutlinie” allein war nicht mehr genug für die Offiziere. Artillerie verlangte mehr. Zum Beispiel Physik, Mathematik und Geografie. Doch das zu entwickeln als Stoff, das brauchte Zeit. Zu viel, denkt man an die verheerende Niederlage im Jahre 1806 bei Jena und Auerstedt.

Neuruppin, wie Dietmar Schlösser es in der Clausewitz-Biografie präsentiert.
Foto: VHS

Carl von Clausewitz jedenfalls wurde 1801 “Hörer des ersten Kurses an der Berliner Kriegsschule”, so Schössler. Gerhard von Scharnhorst aus dem Hannöverschen hatte mit der Reform begonnen. Ihm sagt man auch nach, in der Frage der Wehrpflicht Impulse gegeben zu haben. Zwangsaushebungen und Soldatenhandel waren fragwürdig geworden. Aufklärer wie Kant und Herder, beide ungedient, schrieben mit an einem anderen Menschenbild. Schiller und Lenz, beide hochsensibel, lieferten Bühnenstoff. Rein pekuniäre Motivation von Soldaten schien auch für Militaristen nicht das Wahre. Und Herzpatriotismus allein mit viel Gesang und genug Getränken, das war auch zu wenig.

Vereinigte Artillerie- und Ingenieurschule Berlin, erbaut von Karl F.Schinkel.
Quelle: Wikipedia

Dass Adolf Hitler die Wehrpflicht in “Mein Kampf” 1925/26 eindeutig befürwortet, selbstredend mit “Rassenschranke”, ist in der laufenden Auseinandersetzung kein Thema. Mit Clausewitz hatte der rechte Hetzer es nicht so. Das könnte an dessen Loblied auf den “Verteidigungkrieg” liegen, nicht zu verwechseln mit Passivität oder Fatalismus. Clausewitz setzte auf Sieg, aus einer Position gut vorbereiteter Verteidigung heraus, Vorwärtsverteidigung mit Überraschungseffekt inbegriffen. In Neuruppin soll er sich mit solchen Fragen herumgeschlagen haben. Dass er mit den gröber geschnitzten Einheimischen nicht so recht warm wurde, wird von Schössler nicht bestritten.
Wie nah die “Wehrkunde” zur DDR-Zeit dem Konzept des Strategen von Clausewitz kam, wäre eine eigene Untersuchung wert. “Schwerter zu Pflugscharen” hätte er sicherlich für die falsche Alternative gehalten. Die Wehrpflicht ist seit 2011 ausgesetzt. Ein Losentscheid zur Rekrutierung von Unfreiwilligen hätte Clausewitz vermutlich zwischen Lachen und Weinen zerrissen. Die Bundeswehrhochschulen hätten ihn sicher begeistert – den Strategen, dessen Leben und Werk im Schinkeljahr 2031 in Neuruppin womöglich auch gedacht wird. Die Kriegsschule, sein Karrieresprungbrett, gehörte in Berlin zu den Schinkel-Bauten.

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