Kein Lallen, kein Händezittern: Christoph Peters bei “Fontane” zu Gast.
““Eigentlich schreibe ich Bücher”, hört man den Erzähler in “Entzug” reden. Wie Christoph Peters ist er eigentlich Schriftsteller. In der Fontane-Buchhandlung, wo Peters zum 35. Geburtstag mit seinem jüngsten Werk zu Gast war und auf recht großes Interesse stieß, machte der Autor kein Geheimnis daraus, dass “Entzug” viele autobiografische Züge hat. Und was der Bettnachbar aus der Entzugsklinik so schreibe? “Ganz normale Romane halt.”
Von Volkmar Heuer-Strathmann
Die Liste der Werke, die Trunksucht aufgreifen, ist lang – von Alfred Döblins “Berlin Alexanderplatz” über Hans Falladas “Der Trinker” und Gabriele Wohmanns Sammlung “Entziehung” bis zu Caroline Wahls “22 Bahnen”. Der Roman “Entzug” bekommt eine besondere Wirkung, wenn der Autor, der sich selbst über zwanzig Jahr Alkoholabhängigkeit bescheinigt, ergänzt durch wechselvolle Nikotinsucht, in guter Verfassung und mit klarer Stimme seine Bekennnisse offenbart. Dass eine Zuhörerin ganz am Ende der Lesung sagt, er müsse doch schwere Schäden in sich tragen, wirft ihn nicht vom Hocker. Den Vortrag selbst sieht er mit Distanz, Erinnerungen könnten ihn nicht mehr runterziehen. Manchmal sei es, als gehe es um ein fremdes Leben.

Fotos: VHS
Ausgewählt hatte er frühe Passagen des lesenswerten Buches, in dem nicht unterschlagen wird, wie hoch die Rückfallquote im Falle von Alkoholmissbrauch ist. Da geht es um das Versteckspiel mit Flaschen und Korken, um das Misstrauen der Frau und die Versuche, den Schein zu wahren gegenüber der Mitwelt. Gelallt wird nicht, von wegen Restalkohol und Morgengrauen, nur manchmal spricht der Autor etwas gebremst. Erst auf dem Zimmer in der Entzugseinrichtung ändert sich kurz der Ton, denn da kann der Erzähler einem Polizisten, einem älteren Herrn und einem leicht Verwahrlosten Stimme geben. Dieser Horst etwa spricht in einem Atemzug, wortwörtlich. Ganz anders hört es sich an, wenn der Erzähler bei “Fontane” von “dem Kind, unserem Kind, meinem kleinen Mädchen” spricht. Das Trikolon wird zur Formel und doch nicht formelhaft. Die letzten Worte im Roman gelten der in Tränen aufgelösten kleinen Tochter, die selbst auch noch dabei ist, trittsicher zu werden: “Du brauchst keine Angst zu haben. Ich gehe nicht mehr weg. Nie wieder. Versprochen.” Auf Nachfrage bestätigt der Autor, dass dieses Kind nicht Fiktion ist: “Unsere Tochter studiert Medizin.”
Christoph Peters wies schon vorab selbst darauf hin, dass der Stoff vermutlich nicht wenige Menschen an Bekannte oder Verwandte, an Freundinnen oder Kolleginnen denken lassen könnte, bei denen es ähnlich zugeht. Nach der Lesung war seine Empfehlung, nicht auszuweichen, nicht mitzuspielen, sondern zu konfrontieren. Zu groß sei die manipulative Kraft von Süchtigen, unabhängig von der Substanz der Abhängigkeit. Um die Hemmschwelle weiß er, allerdings im Gegenlicht. Und den glücklichen Ausgang seines Falles kann man ihm schlecht vorhalten. Dass er sogar den “Vertrag über die Durchführung einer qualifizierten Entzugsbehandlung” vollständig zur Kenntnis bringt, gehört zu den starken Seiten des Buches. Der Erzähler weiß: “Theoretisch, wenn weniger auf dem Spiel stünde, könnte es auch lustig sein.”
