Der Höhepunkt: Christoph Hein beim Tucholsky-Literatur-Festival 2026

Zum Ausklang des 1. Tucholsky-Literatur-Festivals in Rheinsberg gab es eine Lesung von Christoph Hein. Man merkte ihm an, dass er sehr gerne gekommen war – auch aus innerer Verbundenheit mit Leben und Werk von Kurt Tucholsky. Der Hinweis von Veranstaltungsleiter Peter Graf, dass man sich seitens des Tucholsky-Museums ermutigt fühle, den eingeschlagenen Kurs fortzusetzen, auch die Kooperation mit der Musikkultur Rheinsberg, führte zu lautstarkem Applaus. Und das Schlosstheater war wieder sehr gut besucht.

Von Volkmar Heuer-Strathmann

Professor Carsten Gansel war als Moderator und als Autor eingeladen worden. Seine Studie “Ausradiert?” war hier bereits einmal Thema. Für eine überarbeitete zweite Auflage kann er schon die heitere Notiz vormerken, er selbst sei inzwischen so verwestlicht oder verwest, dass er Christoph Hein und Christa Wolf auch schon mal verwechsele. So geschehen in Rheinsberg. Dass er selbst alles von Christoph Hein gelesen habe, wie er musterschülerhaft bemerkte, mochte dieser so nicht stehen lassen: “Ich habe 84 Bücher veröffentlicht, ich habe sie selbst nicht alle gelesen.” Unbändige Heiterkeit in den prall gefüllten Reihen! Die sanfte musikalische Eröffnung am Flügel mochte den Gelehrten im Wartestand doch zu sehr zum Träumen veranlasst haben.
Ehe Christoph Hein zum “Narrenschiff” griff, um sein jüngstes Werk vorzustellen, knüpfte der 1944 in Schlesien geborene und in der Nähe von Leipzig aufgewachsene Autor an eine eigene Rede zu Ehren Tucholskys vom 7. Januar 1990 in Berlin an. Schon damals zitierte Hein den “kleinen Wunsch” Tucholskys aus dem Jahr 1926, notiert in Paris: “Die Rollen der politischen Gefangenen in Deutschland und ihrer Richter einmal vertauscht zu sehen.” Wie Hein seinerzeit Entwicklungen und Zäsuren der deutschen Geschichte anhand dieser Vision aufwirbelte und nun noch verlängerte, wäre gewiss eine eigene Betrachtung wert. Beim Festival machten die Bemerkungen deutlich, dass hier einer spricht, der sich wirklich auf Leben und Werk der Leitfigur des Festivals eingelassen hat. Ein Wort von Hein dürfte Tucholsky in seiner Rolle als Journalist mit Neigungen zu aktueller politischer Satire indessen nicht geteilt haben: “Nur ich selbst bin der Leser, für den ich schreibe.”
Der 2025 erschienene Roman “Das Narrenschiff” hat inzwischen nun auch nicht nur seinen humorvollen Verfasser als erheiterten Leser gefunden. Ein Bestseller! Eine Herausforderung! Für die Resonanz gibt es sehr gute Gründe angesichts der jüngsten Debatten und Werke über die nazideutsche, die deutsch-deutsche und die gesamtdeutsche Geschichte. Die ausgewählten Lesepassagen und die einzelnen Erläuterungen zeigten es. Doch von einer Fundamentalkritik aus dem Publikum wird auch zu berichten sein.
DDR-Präsident Wilhelm Pieck wird zum Auftakt der Handlung neben einer Vorzeigeschülerin platziert. Das Geschehen sei verbürgt. Klar. Er hat sie ja geheiratet. Also Hein. Der mächtige Mann im Staate gesteht jener Kathinka eigene Schwächen als Schüler. Diese delikate Szene ist erneut Thema im letzten Abschnitt des Wälzers. Vierzig Jahre sind vergangen. Unterhalb dieses weiten Bogens wird die Geschichte der DDR aufgerollt. Von einem Schriftsteller, nicht von einem Historiker. Das damit verbundene Konfliktpotenzial wurde im Gespräch mit Gansel beleuchtet. Christoph Hein klammert Suizide im Wirkungskreis fataler politischer Entscheidungen der um 1990 und so weiter politisch Verantwortlichen nicht aus. Er wirkt selbst zutiefst berührt. Natürlich entwickelt ein Autor wie Hein mit nicht konfliktfreier DDR-Sozialisation und drei Jahren Gaststatus in Westberlin bis zur Zäsur vom August 1961 (Rudi Dutschke lässt grüßen!) seinen Stoff im historischen Kontext. “Ich hebe sehr intensiv recherchiert”, sagt er. Und viel erlebt. Hellwach. Auch zwischen Stühlen. Das sagt er so nicht. Dass er vieles habe kommen sehen, bis heute, wird ihm bescheinigt.

Eine extrem kritische Stimme aus der Tiefe des Kunstraumes.

Manches in diesem in der Tat sehr lesenswerten Roman ist “ganz oben” angesiedelt. So stellte Hein bei der Lesung heraus, wie Walter Ulbricht gegen Stalin aufbegehrte in der Schlesien-Frage. Und bei Hinterpommern. Vergleichbare Begehrlichkeiten kannte man in der sogenannten BRD primär von Vertriebenen und ihren Verbänden, ebenso aus CSU und CDU. Es ging um nicht weniger als die Heimat. Auch Heins Heimat, urkundlich betrachtet. Dem Genossen Ulbricht ging es um die wirtschaftliche Entwicklung in der DDR. Als “Zwergstaat” dürfte man keine Chance haben. Wohl aber in alten Grenzen. Und Polen und die Menschen? Schon wieder Spielball anderer Mächte? Eine Nebenbemerkung am Tisch ließ klar erkennen, dass Hein beim Thema Heimat nicht etwa völkischen AfD-Rednern nach dem Munde reden will. Im Gegenteil. Sein erfahrungsgesättigter Rückbezug auf die sogenannte “Oder-Neiße-Friedensgrenze” ließ nicht wenige der vielen Gäste kurz auflachen. Oder wie Ertappte zusammenzucken?
Ein älterer Herr im Hintergrund des Theatersaales nutzte später die Gelegenheit, per Mikrofon “mal eine Frage zu stellen”, zu einer sehr ausführlichen Fundamentalkritik. Selbst in Bayern geboren, sei er in der DDR aufgewachsen. Und dankbar. Und an Fakten interessiert. Die DDR nämlich habe den Krieg dreimal verloren. 1945, 1949 und nach 1989. Beispiel: Reparationen und Folgewirkung. Bis heute. Die von den Nazis böse heimgesuchte UdSSR habe ihre Rechte aus Verträgen der Alliierten in Anspruch genommen, also nicht etwa den späteren Warschauer Vertragspartner mutwillig geschwächt. Das Stichwort “Marshall-Plan” fiel, also der Fingerzeig auf die profitorientierte Aufbauhilfe der USA für willige und gefällige europäische Partner, darunter die Zonen der Währungsreform, im Mai 1949 zur Bundesrepublik Deutschland formiert, und Österreich.
Hein stimmte in der Frage der folgenreichen Sonderbelastung schnell, kurz und knapp zu. Dass Gansel nicht darauf insistierte, die anklingende fundamentale Roman-Kritik aufzugreifen, mag außer einer gewissen Mischung aus Höflichkeit und Verlegenheit auch daran gelegen haben, dass die von Peter Graf skizzierte Zeitplanung inclusive dreimal Musik vom Feinsten bereits gesprengt war. Und als Autor von “Ausradiert?” wollte Gansel gewiss nicht ausgestrichen werden. Bus- und Bahnverbindungen kann man doch als Moderator nicht auch noch beachten. Oder andere Termine. Was heißt nochmal “Matinee”?

Applaus auch vom voll geforderten Tischnachbarn Carsten Gansel..
Fotos: VHS

Wer aber hätte aus Zeitgründen auf die beiden großartigen Miniaturen von Hein für die Kinder dieser Welt verzichten wollen? Man nehme nur seine “Mama”. Auf das Klischee, die DDR sei in Sachen Kinderliteratur einfach prominenter besetzt und qualitativ besser gewesen, wollte Hein sich nicht einlassen. Selbst habe er noch literarischen Stoff für vierzig Jahre Schreiberei. Immer dem Leben der Menschen verbunden. Ab 2066 werde man sehen. Was für ein grandioser Auftritt des Großmeisters in der Prinzenstadt!
Wer in Neuruppin noch eine Verabredung mit Theodor Fontane an dessen Todestag hatte, konnte die reichlich späte Pause nutzen, um aufzubrechen Richtung Geburtsort. Ob die Teams in Neuruppin und Rheinsberg rund um Theodor Fontane und Kurt Tucholsky als Leitfiguren nun ihre Erfahrungen austauschen, um die Festivalkultur im Landkreis noch weiter zu optimieren? Die Fördernden würden das gewiss begrüßen. Die Stadt Rheinsberg und der Landkreis haben auch gefördert. Aber kein Grußwort? Ob das irgendwas mit den nach wie vor bestehenden Unklarheiten im Hinblick auf das Kurt-Tucholsky-Literaturmuseum zu tun hat? Das äußerst beeindruckende Festival 2026 sollte dieses Thema nicht vergessen lassen, ganz abgesehen von einer Einladung an Gründervater Peter Böthig als Ehrengast 2027…

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