Auf Nachtwache in der Natur mit Christoph Andreas Marx’ Romanfiguren

Der Schriftsteller Christoph Andreas Marx hat nicht das Glück, unweit von einem Internationalen Sternenpark zu leben. Als Autor von “Nachtwache” lässt er offen, wo Felix, Samantha, Phil, Stella und Linda ihr Bild von Welt und Nacht erweitern und intensivieren. Ein Hauch von Ostwestfalen, wo der Autor lebt, schimmert durch. Leichtes Weserrauschen bei Nacht? Ein Park, ein Weg, eine Brücke über einen Bach. Nächtliche Inspiration in der Preußenstadt Minden? Das Werk ist auch eine Hommage an Caspar David Friedrich, den 1774 in Greifswald geborenen Künstler. Sein “Meeresufer im Mondschein” ist motivbildend.

Von Volkmar Heuer-Strathmann

Felix betrachtet jenes Werk als Postkarte. Er legt sie zurück in den Kartenständer im Shop der Hamburger Kunsthalle. Ob es Lesende gibt, die hier bei Beginn der Lektüre nicht unbedingt sehen müssen, was das Genie gestaltet hat? Die Betrachtung sei empfohlen. Gegengründe gibt es auch.
Als Arzt hat Felix oft Nachtdienst in einem Klinikum. Der Buchtitel “Nachtwache” hat hier einen Grund. Man bewegt sich dort nicht erst ab einbrechender Dunkelheit auf “neonerleuchteten Fluren”. Samantha ist Malerin. Sie ist wie besessen von der Idee, die Nacht zum Gemälde werden zu lassen. Wie Felix und Samantha sich kennen gelernt haben, ist Romanstoff. Ebenso die Begegnungen von Phil, Stella und Linda. Ein modernes Beziehungsgefüge von fünf Figuren wächst. Mit Luna geht es – anscheinend oder scheinbar – ins Reich von Mythologie und Magiephantasie. Warum Marx diese sprechenden Namen gewählt hat, bleibt sein Geheimnis. Sie wirken.

Oh Flure, oh Lampen, oh Wände, – 24 Stunden Tristesse ohne Ende.

“Es war, als hätte der Himmel” geht zunächst anders weiter als bei Eichendorff. Die Formulierung sensibilisiert Belesene vermutlich für das lyrische Motiv der Nacht. Welche Stimme aus Jahrhunderten hatte sich nicht dem Motiv gewidmet? Im Roman ist es die Stella, so will es der Autor, die “Gedanken für eine Freundin” schriftlich festhält, hier mit etwas mehr “Mondnacht”. Man liest, auch mit Samanthas Augen: “Die Nacht kommt uns immer mehr abhanden. Richtig dunkel wird es für uns Städter gar nicht mehr. Sehen Stadtkinder noch die Sterne?” Die Antwort wird unterschiedlich ausfallen. Der Trend zur Beleuchtung, zur Reklame ist nicht ungebrochen, schon durch den horrenden Preis der Elektrizität, nicht nur in Geld gefasst. Stellas Text ist Manifest, wirkt wie ein Aufruf: “Bringen wir also die Dinge in ein neues Licht.” Die Dinge? Das Leben. Banales und Exponiertes. Tiefenschichten des Traums und Höhenflüge des Geistes. Trunkenheit in Variationen. Und eben bildende Kunst.

Unterwegs Richtung Temnitzpark bei scheinbar sinkender Wintersonne.

Ein Park als “Übergang von der Stadt in die Wildnis”? Phil empfindet es so. Ihm wurde aus Medizinermund mitgeteilt, dass er bald seine Sehkraft ganz verlieren werde. Das schreckt auf und sensibilisiert. Die optische Wahrnehmung verliert ihre scheinbare Selbstverständlichkeit. Die Bedeutung der akustischen Wahrnehmung nimmt zu.
Marx tastet sich vor. Er ist Geisteswissenschaftler. Hat an Hochschulen und Schulen gewirkt. Hat ganz unterschiedliche Werke publiziert. Ob er manchmal joggt im Alter, wie Linda, die junge Masterstudentin? Spätschicht in der Gastronomie und Nachtschicht im Klinikum sind im Roman “Nachtwache” prägend. Da wäre nächtens an Arbeit, an Schufterei und Ausbeutung am 24 Stunden Tag kapitalistischer Machart mehr möglich gewesen, Härteres, Finsterstes.
“Nachtwache” ist kein Liebesroman. Aber es geht um mehr als Sternstunden der Verliebtheit. Es geht nicht um Rotlichtschimmer und andere Nachtgeschäfte. Kaum um Tieraugengeflimmer. Marx’ Horizonterweiterung folgt nicht planetarischer Technik. Die Augen schaun ununterstützt und ungeschützt. Ganz Geistes Gegenwart sagt Linda zu Phil: “In dieser Nacht stellt sich der Mond zwischen Saturn und Jupiter, die du schon jetzt gut sehen kannst.” Sie könnte auch “noch” zu ihm sagen, was seine Sehkraft anbelangt. Man spricht über Astronomie und Astrologie, über Musik und Vergänglichkeit.

Nächtliche Gestaltungsexperimente auf dem Braschplatz von Neuruppin.
Fotos: VHS

Dass Stellas Text in einem Katalog der Künstlerin Samantha Platz finden soll, erfährt man erst gegen Ende der Lektüre. Die Erzählstimme wird Luna. Stilsicher und unaufgeregt hat Christoph Andreas Marx eine gute Nachtgeschichte geschrieben. In einer Nacht durchgelesen? Das glaubt kein Mensch. Und Samanthas Werk? Nichts zu sehen, keine Schwarzmalerei, kein Wetterleuchten. Ob der Anblick so ernüchternd wäre wie jener Griff nach der Ansichtskarte? Bis zur nächsten Gelegenheit, beim Lesemarathon in Netzeband in der Temnitzkirche, also unweit vom Internationalen Sternenpark, aus “Nachtwache “ vorzulesen, dauert es noch ein paar Monde…

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