Wahl-Tage auf Bali, in Berlin, auf der Autobahn, in Sankt Moritz und dann?

Der eben erschienene Roman “1999 Meter über dem Meer” von Caroline Wahl lässt sich einfach gut lesen. Das kann man bedenklich finden in diesen Tagen des Stolperns und Erstarrens. Und es gibt sicherlich Anspruchsvolleres, selbst in Sachen Reiselust, Generationsaufbruch und Entdeckerinnenlaune. Die eben examinierte Erzählerin Samara hat keine Hemmungen, geständnishaft zu notieren: “Ich will reich sein, unabhängig und frei.” Naiv? Ostwind? Nörgeln vorprogrammiert? Caroline Wahl hat ihre Wonnestunden 2025 in Neuruppin am See übrigens nicht eingeflochten. Samaras erster Satz: “Wasser ist einfach nicht mein Element.”

Von Volkmar Heuer-Strathmann

Nach “Die Assistentin” scheint die Autorin sich schnell erholt zu haben. Durch Raserei? Für ein Tempolimit auf Autobahnen und gebremste PKW-Nutzung wird hier wahrlich nicht plädiert. Aber gegen den Genuss von Müllers Milchprodukten gibt es an vier Innehaltestellen politisch akzentuierte Bedenken. Milieustrenge Leitplanken der Wortwahl werden ansonsten eher karikiert. Doch “Zwei Päckchen Emmi Energy Milk Vanilla in der Mittelkonsole”, heißt es schön korrekt ganz am Ende. Samara hat also eine Alternative gefunden. Die AfD will sie nicht aus bloßem Durst am Steuer oder sonstwo in der Supermarktwelt mitfinanzieren.

Hoffnungsschimmer in Berlin – trotz aller Tristesse in der InstaWorld.1
Foto: VHS

Samara hat sonst nicht viel am Hut mit Politik. Aber mit Wortwahl, Bildeffekten, Internetflixtypen und Marketing heutiger Art. Nach dem Literaturstudium geht’s deshalb nach Berlin, doch zunächst ist Auszeit auf Bali. Schrecklich! Manchmal nennt Samara sich auch anders. Und sie erfindet tatsächlich ihre Biografie ganz nach Gelegenheit. Ob Max Frischs Blick auf Personen und Figuren ein Schwerpunkt im Literaturstudium war?
“Bali ist so sch…”, erfährt man früh aus Samaras Mundwerk. Immer mal wieder schreibt Caroline Wahl, wie Menschen reden oder texten, wenn sie bloß bisschen quatschen oder auf dem idiotischen Handy herumtippen. Also locker. Und andere Typen kommen ja auch zu Wort. “Brandenburg hat wirklich schöne Ecken”, sagt dieser Fritz in St. Moritz. Zwischen Bali und Schweizer Bergwanderung mit heißer Beziehungsrelevanz liegen ein Kurztripp zu den besorgten Eltern mit Überraschungsgeschenk, erste krasse berufliche Erfahrungen in Berlin, eine rasante Autobahnfahrt in den Süden, Tage in St. Moritz und fast ein Abbruch auch hier.


Himmelszauber über Bergeshöhen, von Samara noch nie so nah gesehen.
Foto: Milena Strathmann

Samaras Angstfreiheit basiert auf einem Beschluss. Das klingt nach Selbstkontrolle im Therapiezentrum Kopf. Die Idee, sich plötzlich anders zu nennen und ein anderes Leben zu erfinden, wirkt spontan. Also anlassbezogen. Es wird herrlich und dämlich gelogen. Man muss das hier nicht hinblättern. Nur dass Samara in diesem bunten Buch zur Kunstfotografin auf Schwarz-Weiß avanciert. Und dass sie Fritz wiedersieht. Den tollen Berliner Filmszenetypen mit der Wohnung in St. Moritz. Wer vom Jargon der Influenzer genervt ist, braucht Geduld. Der folgende Vierzeiler in Prosa ist in “1999 Meter über dem Meer” nicht das letzte Wort: “Ich bin traurig, weil ich jetzt wahrscheinlich abreisen muss, ohne den Gipfel gesehen zu haben, und weil das der schönste Abend in meinem Leben war, und nun ist er vorbei.”
Unterwegs ist sie mit einem Mecedes SLR 129, Erstzulassung noch vor der Jahrtausendwende. Ein Geschenk der Eltern. Der Vater ist Mittelständler auf Handwerksbasis. Man hat Vermögen. Und diese Tochter.

Und demnächst mit Fritz’ Tochter Franzi in den Saurierpark Germendorf?
Foto: VHS

Das Saurierbild soll nicht spöttisch auf das Luxusgefährt mit offenem Verdeck anspielen. Nein, auf Fritz’ Tochter Franzi. Er war paar Jahre verpartnert. Die Kleine kommt aus der Klischeewelt. Sie steht auf Dinosaurier. Aber Samara und (noch) ein Kind in nächster Nähe? Mal zu dritt von Berlin aus nach Germendorf kutschieren? Einen Vulkan gäbe es auch für Samara und Rauch für einen Euro. Das Buch ist etwas teurer als der Eintritt. Ob es den Zuständigen gelingen könnte, Caroline Wahl 2027 zu mieten für “Neben der Spur”? Vielleicht braucht sie Geld für die allfällige Alltour? Ach ne, das wäre nur was für Samara Alia, zigtausend Meter über NN. Aber mit Musk?

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