Glosse: Café-Hausgespräche

Am Fenster sitzen drei Menschen, die Tassen zwischen den Händen.
Draußen zieht die Stadt vorbei, gedämpft und gleichgültig.Drinnen ist das Gespräch längst schwerer geworden als der Kaffee. Ein Satz liegt auf dem Tisch, unausgesprochen und doch präsent: dass nichts ganz unschuldig ist, solange man miteinander lebt.

Von: macron

Heiligabend

Kurz nach neun. Das Café ist offen, obwohl es eigentlich geschlossen sein sollte. Es ist einer dieser Orte, an denen immer jemand sitzt und immer jemand arbeitet, egal welcher Tag im Kalender steht. Draußen ist die Stadt gedämpft, als hätte sie den Atem angehalten.

Am Tisch am Fenster sitzen drei Menschen. Sie sind früh wach, vielleicht zu früh für einen Tag wie diesen. Das Gespräch beginnt beiläufig, mit einem Blick nach draußen, mit der Bemerkung, dass alles irgendwie schwer geworden sei in letzter Zeit. Dann fällt der Satz, der seit Jahren zwischen allen Gesprächen steht wie ein unausgesprochener Vorwurf: Alles sei politisch.

Er bleibt einen Moment liegen. Nicht laut, nicht scharf, eher müde.

Eine widerspricht. Genau dieser Satz, sagt sie, habe die Welt kälter gemacht. Wenn alles politisch sei, gebe es keinen Ort mehr, an dem man sich einfach begegnen könne. Dann treffe man einander nicht mehr als Menschen, sondern als Haltungen. Wer anders denke, denke nicht einfach anders, sondern falsch. Man hört, dass sie diesen Gedanken kennt, vielleicht schon lange.

Ein anderer lehnt sich zurück. Vielleicht, meint er, liege das Problem nicht im Satz, sondern in dem, was man aus ihm gemacht habe. Politik habe einmal etwas sehr Nüchternes bezeichnet. Die stillen Verabredungen darüber, wie man miteinander auskommt. Nicht mehr. Nicht weniger.

Der Kaffee kommt. Er dampft kurz, dann kühlt er ab.

Wenn man so darüber nachdenke, sagt er weiter, beginne Politik nicht dort, wo Reden gehalten werden. Sie beginne dort, wo Menschen zusammenleben. Wo Handlungen Folgen haben. Wo Regeln gelten, lange bevor man sie bemerkt. Arbeiten, einkaufen, schweigen – all das geschehe nicht im luftleeren Raum. Man bewege sich darin wie in einem Gebäude, dessen Statik man nicht entworfen habe, das aber jeden Schritt trägt.

Dann also doch alles, sagt jemand leise. Alles politisch.

Ja. Aber nicht, weil alles Kampf sei. Sondern weil alles wirkt. Wirkung brauche keine Absicht. Regeln würden durch Befolgen erneuert, durch Nutzen gefestigt, durch Schweigen bewahrt. Auch das Unterlassen habe Gewicht.

Es wird stiller am Tisch. Draußen schiebt jemand einen Kinderwagen vorbei, ein anderer trägt eine Tüte mit Einkäufen. Drinnen wischt jemand Krümel von der Theke.

Wenn das stimme, sagt eine Stimme, bleibe kein Ort mehr, an dem man einfach sein könne. Kein leichter Satz, kein unbeschwertes Gespräch.

Vielleicht, antwortet jemand, sei nicht die Tatsache das Problem, sondern der Wunsch, ihr zu entkommen. Politik werde verwechselt mit Schuld, mit Streit, mit Identität. Dabei sei sie zunächst nur die Bedingung, unter der man sich begegnet.

Der Satz wird nicht zurückgenommen. Er wird nur stiller. Alles ist politisch. Nicht als Anklage, sondern als Beschreibung. Als Hinweis darauf, dass es kein Draußen gibt.

Der Kaffee ist inzwischen kalt. Es ist Heiligabend. Und das Gespräch endet nicht mit einer Lösung, sondern mit etwas, das seltener geworden ist: mit Aufmerksamkeit.

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